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Prost Amerika Filmkritiken.

Michael Clayton (USA 2007)
Regisseur: Tony Gilroy

Regelmäßige Leser dieser Seite werden sich an unseren Verriss von Steven Soderberghs und George Clooneys letztem Projekt – „The Good German” - erinnern. “Michael Clayton” ist etwas besser, und Clooney spielt endlich wieder die Rolle, die ihm am besten steht: die eines modernen Sean Connery. Clooneys Präsenz sorgt dafür, dass sich der Film gut vermarkten lässt, aber die schauspielerische Leistung von Tom Wilkinson ist der eigentlich Grund, weshalb man sich den Film ansehen sollte. Der Brite spielt den brillanten und unberechenbaren Anwalt Arthur Edens und zeigt, warum britische Schauspieler seines Kalibers so begehrt sind. Edens, ein von seinen Problemen zerfressener Mann, arbeitet für Kenner, Bach and Ledeen, eine hochkarätige Anwaltskanzlei in Manhattan. Diese wiederum vertreten den Schurken des Films, den Agrar- und Chemie Großkonzern U/North, dem schwere Umweltverschmutzung vorgeworfen wird, die zu Erkrankungen der Landbevölkerung führte. Hier haben wir also schon vier bis fünf Hauptprotagonisten: den bösen Umweltverschmutzer, dessen Anwaltskanzlei, deren unberechenbaren Angestellten und natürlich die Kläger. Irgendwie muss nun noch der fünfte Protagonist, Michael Clayton, in diese schon ziemlich lange Liste hineingequetscht werden.

Und das passiert so: Kurz bevor Edens die Klage zu einem Bruchteil ihres Wertes abschmettern kann, bekommt er Zweifel. Nachdem er dann noch vergisst, seine Medikamente zu nehmen, beginnt seine geistige Gesundheit zu bröckeln und sein Engagement für U/North nachzulassen. Was anfangs wie eine billige außergerichtliche Einigung aussah, entwickelt sich zu einem Desaster für den Konzern, als Edens damit droht, Informationen über seinen Klienten zu veröffentlichen, die diesen zerstören würden. Dieser wird nervös und schaltet einen der Kanzlei-Partner, Marty Bach (Sydney Pollack) ein, um die Situation zu klären. Bach wendet sich an Michael Clayton, dessen Job es ist, ‘unliebsame Situationen’ in der Firma zu bereinigen. Er soll Edens wieder ‘auf Linie’ bringen. Clayton bezeichnet sich selbst als „Klempner”, aber Clooneys Charakter ist weder verschlagen noch skrupellos genug, um in dieser Rolle zu überzeugen. (Dass eine führende Anwaltskanzlei überhaupt so einen Angestellten braucht, sollte einen skeptisch machen, aber wir lassen das mal außen vor.) Die Situation wird noch komplizierter, als Clayton sich mit der Position der Opfer identifiziert und sich auf deren Seite stellt. Für den Rest des Films versucht er die Balance zwischen beiden Positionen zu halten.

Tilda Swinton glänzt in ihrer Rolle der Karrierefrau “Karen Chowder,” U/Norths interner Juristin, die geschickt die Unternehmensinteressen vertritt. Wenn sich die Handlung verdichtet, ist immer ihre Hand im Spiel. Leider sehen wir sie viel zu selten. Ihr Schauspiel kommt von der Intensität her der Wilkinsons am nächsten, aber dessen intensive Darstellung beherrscht den Film und zwingt die Zuschauer, das Drama durch seine Augen zu sehen. Ob vom Regisseur beabsichtigt oder nicht, man interessiert sich mehr für Arthur Edens’ Schicksal als für Michael Claytons. Der Film ist das Regiedebüt des Drehbuchautors Tony Gilroy, also nehmen wir einfach einmal an, dass das so gewollt ist, und erwarten gespannt sein nächstes Projekt.

George Clooney: Michael Clayton
Tom Wilkinson: Arthur Edens
Michael O'Keefe: Barry Grissom
Sydney Pollack: Marty Bach
Danielle Skraastad: Bridget Klein (Stimme)
Tilda Swinton: Karen Crowder
Wai Chan: Chinese Dealer
Alberto Vazquez: Kartenspieler #1
Brian Koppelman: Kartenspieler #2
Thomas McCarthy: Walter (Stimme) (als Tom McCarthy)
Denis O'Hare: Mr. Greer
Julie White: Mrs. Greer
Austin Williams: Henry Clayton
Jennifer Van Dyck: Ivy
Frank Wood: Gerald
Rachel Black: Maude
Matthew Detmer: Todd
John Douglas Thompson: Gefängniswärter
Merritt Wever: Anna Kaiserson
Brian Poteat: Anwalt
Christopher Mann: Lieutenant Elston
Edward Furs: Milwaukee Captain
John Gerard Franklin: Gefängniswärter
Robert Prescott: Mr. Verne
Paul Oquist: Caddie
Terry Serpico: Mr. Iker
Heidi Armbruster: Annas Schwester
Pamela Gray: Cindy Bach
Andrew Hunter Sherman: UNorth (Stimme) (als Andrew Sherman)
Kevin Hagan: Raymond Clayton
Julia Gibson: Stephanie Clayton
Sean Cullen: Det. Gene Clayton
Susan Egbert: Michelle
David Lansbury: Timmy Clayton
David Zayas: Detective Dalberto
Douglas McGrath: Jeff Gaffney
Gregory Dann: Cop
Cathy Diane Tomlin: Polizei #2
Sam Gilroy: Copy Kid
Maggie Siff: Anwalt #1
Sarah Nichols: Barrys Helfer
Susan McBrien: Jean

Simpsons - Der Film (USA 2007)
Regisseur: David Silverman
Originaltitel: Simpsons - The Movie

Endlich kommt die erfolgreichste Zeichentrickserie auf die große Leinwand. Das Ergebnis ist nicht spektakulär, aber es sind immer noch die Simpsons. Abgesehen davon, dass manchmal die Themen unserer Zeit wie globale Erwärmung und Überwachung angesprochen werden, kommt man nicht umhin zu sagen, dass der Film lediglich ein Vehikel für Homers Dummheit ist. Der tollpatschige, selbstsüchtige Schwachkopf wurde im Verlauf der Serie immer dümmer und dümmer und “Simpsons - Der Film” dreht sich mehr um ihn, als es die Meisten wohl erwartet hatten. Dazu kommt noch, daß jeder noch so marginale Charakter der Fernsehserie einen kleinen Auftritt bekommt - mit dem Ergebnis, dass sich die Figuren Bart, Lisa, Marge, Ned Flanders, Moe, Milhouse oder Officer Wiggum kaum hervorheben können. Die Zuschauer, deren Lieblingscharakter nicht Homer ist, werden ein wenig enttäuscht sein.

Die Geschichte beginnt damit, dass Homer Springfield Lake vergiftet, indem er über mehrere Wochen angesammelten Schweinemist darin ablädt. (Ohne ersichtlichen Grund hat Homer ein Schwein adoptiert und arbeitet daran, es zu domestizieren.) Die Behörden sind entsetzt und verhängen eine Quarantäne über Springfield.

Der Rest des Films ist klassisches Simpsons-Material, obwohl manche Kritiker sagen, dass der Film eher wie aus drei inhaltlich lose verbundenen Episoden zusammengeschustert wirkt und nicht wie ein ‘richtiger’ Kinofilm. Und es stimmt, an den fantastischen South Park Film kommt “The Simpsons” nicht heran. Aber wir wissen, dass ihr euch alle diesen Film ansehen werdet, egal was ‘Prost Amerika’ sagt - und das solltet ihr auch!

Dan Castellaneta: Homer / Itchy / Barney / Grampa / Stage Manager / Krusty the Clown / Mayor Quimby
Julie Kavner: Marge
Nancy Cartwright: Bart / Maggie / Ralph / Nelson / Todd Flanders
Yeardley Smith: Lisa
Hank Azaria: Professor Frink / Comic Book Guy / Moe / Chief Wiggum / Lou / Carl / Cletus / Bumblebee Man
Harry Shearer: Scratchy / Mr. Burns / Rev. Lovejoy / Ned Flanders / Lenny / Skull / Präsident Arnold Schwarzenegger / Kent Brockman / Principal Skinner / Dr. Hibbert / Smithers
Pamela Hayden: Milhouse / Rod Flanders
Tress MacNeille: Colin / Mrs. Skinner / Nelson's Mother / Homers Schwein / G.P.S. Woman / Cookie Kwan / Lindsey Naegle
Albert Brooks: Russ Cargill
Marcia Wallace: Mrs. Krabappel (Stimme)
Russi Taylor: Martin (Stimme)
Maggie Roswell: Helen Lovejoy
Billie Joe Armstrong: Selbst

Electric Shadows (China 2004)
Regisseur: Jiang Xiao
Originaltitel: Meng ying tong nian

Dieser Film erzählt von 2 jungen Chinesen während der chinesischen Kultur Revolution und ihrer Liebe zum Freiluftkino.

Der Zusammenhang ist erst schwer zu verstehen, denn der arme Wasserbote Dabing wird von einem merkwürdigen und wortkargen Mädchen 'Ling Ling' mit einem Backstein auf den Kopf geschlagen, nachdem er, aus Versehen, einen Haufen Backsteine in einer Gasse umfährt. Während der Genesung findet Dabing dasselbe Mädchen im gleichen Krankenhaus, in der Psychatrie.

Irgendwie macht sie ihm klar, das er ihre Fische zu füttern hat und überlässt ihm die Wohnungsschlüssel. Nun endlich werden die Zusammenhänge klar, als er ihre Wohnung und ihr Tagebuch entdeckt. Die Wohnung ist praktisch ein Schrein für die Freiluftkino- und Filmgeschichte, und das extraordinäre Tagebuch erklärt warum, und auch Dabing wird magisch mit in die Geschichte hineingezogen.

Ein langsamer, aber sehr schöner Film, mit vielen Details, interessanten Szenen in dem chinesischen Dorf und einem Einblick in die chinesische Gesellschaft zu der Zeit.

Yu Xia: Mao Dabing
Haibin Li: Pan Daren
Yijing Zhang: Ling Ling
Zhongyang Qi: Die junge Ling Ling
Zhengjia Wang: Mao Xiaobing
Haogi Zhang: Bing Bing
Yuquing Xia: Xiaobings Vater
Shan Jiang: Polizistin
Zhenhua: Doktor Niu
Yang Liu: Frau mittleren Alters
Jinbao Zhao: Lehrer

For the Bible Tells Me So (USA 2007)
Regisseur: Daniel G. Karslake

Die Dokumentation “For the Bible Tells Me So” beschäftigt sich mit Homosexuellen und den konsequenten Attacken, denen sie von Seiten selbst-ernannter Prediger Gottes ausgesetzt sind. Der Film lässt dabei beide Seiten zu Wort kommen, aber es ist klar, wo seine Sympathien liegen. Die Aussagen der dargestellten Christen sind überraschend und ernüchternd und man kommt nicht umhin, sich die zu Frage stellen, welcher Gott solche Unmenschlichkeit und Gefühlskälte von seinen Anhängern fordert.

Am Beispiel des Schicksals Mary Lou Wallners zeigt der Film den Schmerz und das menschliche Leid, das aus solchen Ansichten resultiert. Mary Lou wuchs in einer fundamentalistischen Kirche auf und war Anhänger von Dr. Dobsons “Focus on the Family” Bewegung, die unter anderem lehrt, dass Eltern die Sexualität ihrer Kinder nicht akzeptieren sollen. Als ihre eigene Tochter Anna ihr gestand, dass sie lesbisch sei, verstieß Mary Lou sie. Anna beging daraufhin Selbstmord. Mary Lou brach mit Dobsons Bewegung und widmet ihr Leben nun der Hilfe anderer Familien in ähnlichen Situationen.

Aber der Film zeigt auch eine andere Seite des Christentums. Die Interviews mit Bischof Desmond Tutu und Gene Robertson offenbaren ein menschliches und aufgeschlossenes Christentum und man spürt ihre Frustration über die Art und Weise, wie die Bibel von konservativen Politikern benutzt wird, um Gruppen zu stigmatisieren und auszugrenzen. Bischof Tutu erwähnt auch andere Gruppen, die unter Berufung auf die Bibel ausgegrenzt werden. In weiteren Interviews untersuchen christlichen und jüdischen Gelehrte die fadenscheinigen theologischen Argumente, die der Stigmatisierung Homosexueller zu Grunde gelegt werden und zeigen alternative Interpretationen der Bibel auf.

Dabei sollte betont werden, dass der Film nicht gegen die Familie als Institution argumentiert. Einer der bewegendsten Momente des Films ist die Reaktion des Abgeordneten Richard Gephardt (Missouri) auf das Coming-out seiner Tochter Chrissie: “You are my daughter and I will love you always.” Obwohl Gephardt sein ganzes Leben seiner politischen Karriere gewidmet hat, steht für ihn trotzdem seine Familie an erster Stelle. Wenn Dr. Dobson sich auf Familien konzentrieren will, dann sollte er die Gephardts als positives Beispiel benutzen.

Die meisten Zuschauer werden mit dem Grundargument des Films übereinstimmen, aber sie werden, wie auch der Reviewer, überrascht sein, dass fundamentalistische Eiferer nicht einfach eine lächerliche Randerscheinung sind, sondern viel Leid und Schmerz verursachen.

Chrissy Gephardt
Mary Lou Wallner
Tonia Poteat
Richard Gephardt
Gene Robinson
Desmond Tutu

Helden der Nacht (USA 2007)
Regisseur: James Gray
Originaltitel: We Own the Night

Dieser Film muss nach seinen Actionszenen beurteilt werden, da die Handlung vorhersehbar ist: der einsame Wolf einer Polizistenfamilie, Robert ‘Bobby’ Green (Joaquin Phoenix), ändert nach einem erschütternden Erlebnis sein Leben und erkennt zu guter Letzt den Wert des Guten über dem des Bösen.

Es ist nicht überraschend, dass seine ehemaligen Komplizen von seinem “Verrat” nicht sonderlich begeistert sind. Aber einmal abgesehen von der Abgedroschenheit des Cops-bekämpfen-Bösewichte Szenarios ist der Film ziemlich solide. Robert Duvall glänzt in seiner Rolle als Vater (“Deputy Chief Albert ‘Bert’ Grusinsky”) und schafft es, den Rest der Besetzung und den Film zu tragen. Der Charakter von Capt. Joseph ‘Joe’ Grusinsky (Mark Wahlberg), Bobbys Bruder und Alberts Sohn, bekommt erst zum Ende des Films Konturen und bleibt über Längen unausgefüllt.

Die innere Logik des Films ist nicht schlüssig und letzten Endes scheitert der Film genau an diesem Punkt. Bobby arbeitet als Manager in einem New Yorker Nachtclub, El Caribe, einem Treffpunkt für Drogendealer und Kriminelle. Merkwürdigerweise bemerkt niemand, dass sein Vater der Chief of Police New Yorks ist, was nonchalant damit erklärt wird, daß Bobby den Mädchennamen seiner Mutter benutzt. Diese unglaubwürdige Konstruktion macht es dem Zuschauer für den Rest des Films schwer, die Handlung wirklich ernst zu nehmen. Die Schurken sind nicht Furcht einflößend und die Schauspieler haben kaum Möglichkeiten, ihre Charaktere voll auszuspielen. Im Großen und Ganzen erinnert der Film an eine überlange Episode von Kojak. Und warum die Handlung gerade im Jahre 1988 stattfindet, blieb dem Reviewer bis zum Schluss ein Rätsel.

Wenn man die Handlung nicht vorweg nehmen will, gibt es wenig mehr zu erzählen. Eva Mendes ist sexy, der Showdown wirkt so künstlich wie ich es seit ‘The Good German’ nicht mehr gesehen habe, die Verfolgungsjagd ist ziemlich gut, und es gibt wahrscheinlich etwas zu viel Gewalt, als dass man kleine Kinder mit ins Kino nehmen könnte.

Wenn Sie ein Fan von Robert Duvall sind, gehört dieser Film definitiv in Ihre Sammlung, obwohl das Beste, was ich über seine Arbeit in “Helden der Nacht’ sagen kann, ist, dass er den Film knapp über das Mittelmaß hievt.

Joaquin Phoenix: Robert 'Bobby' Green
Eva Mendes: Amada Juarez
Mark Wahlberg: Capt. Joseph 'Joe' Grusinsky
Robert Duvall: Deputy Chief Albert 'Bert' Grusinsky
Alex Veadov: Vadim Nezhinski
Dominic Colon: Freddie
Danny Hoch: Jumbo Falsetti
Oleg Taktarov: Pavel Lubyarsky
Moni Moshonov: Marat Buzhayev
Antoni Corone: Michael Solo
Craig Walker: Russell De Keifer
Tony Musante: Capt. Jack Shapiro
Joe D'Onofrio: Bloodied Patron
Yelena Solovey: Kalina Buzhayev (als Elena Solovey)
Maggie Kiley: Sandra Grusinsky

Hostel Teil 2 (Slovakei 2007)
Regisseur: Eli Roth
Originaltitel: Hostel Part 2

“Hostel” war ein höchst erfolgreicher Horrorfilm, hineingestellt in eine Jugendherberge in der Slovakei, deren Bewohner oft zum Zwecke brutaler Folter entführt wurden. Er war umstritten, wurde aber rasch zum Kult. Kultfilme sind oft schwierig fortzusetzen. Es war noch nie leicht, einen neuen Ansatzpunkt für eine Fortsetzung zu finden. Sie aber schafften es. Sie gestalten den Film aus dem Blickwinkel nicht der Opfer, sondern der Folterknechte. Roth fragte sich daher, welcher Art Leute Folterungen ausüben wollten. Wie würden sie gefunden werden? Wie läuft das mechanisch ab?

Dies erweist sich als der Schlüssel zum Erfolg des Filmes, in welchem Roth es erfolgreich schafft, den Charakter desjenigen zu formen und anzupassen, durch dessen Augen wir das makabre Geschehen sich entfalten sehen. Es ergab sich so für Roth auch die günstige Gelegenheit, ein anderes Thema auszuforschen, nämlich das Thema des finanziellen Wertes, welchen wir einem menschlichen Leben zuerkennen, wenn dazu aufgerufen. In einer der frühen Szenen bieten potenzielle Folterer auf jedes neue Opfer. Roth behauptet, dass dies von seiner Abscheu gegen das Bush/Cheney-Regime inspiriert war, welches junge Männer in den Tod schickt, damit es selbst und ihre Geschäftsfreunde davon profitieren können. Ob wir alle diese Einschätzung unbedingt teilen, ist unerheblich; es ist eine triftige Frage, die zu stellen er berechtigt ist, auch wenn ein Hinweis auf die Ausbreitung des Menschenhandels vielleicht ein treffenderer Vergleich gewesen wäre.

Abgesehen von der Politik, berücksichtigt die Technik zahlreiche Änderungen des Tempos, die das Wohlbehagen des Zuschauers verhindert. In einem Fortsetzungsfilm sind wir uns weit sicherer zu wissen, was kommen mag und das kann natürlich den Schockeffekt verringern. Roths neue Perspektive vereitelt dies, und tatsächlich sind zwei unserer Helden (ich gebrauche dieses Wort hier etwas unpräzise), Stuart (Roger Bart) und Todd (Richard Burgi) in Wahrheit nicht Opfer, sondern selbst potenzielle Folterknechte. Andere Figuren, darunter selbstverständlich die Opfer Beth (Laura German), Lorna (Heather Matarazzo) und Whitney (Bijou Phillips), nehmen sich ebenso ihre Zeit im Rampenlicht und der Film spielt raffiniert mit unserer Wahrnehmung.

Tatsächlich mag es Matarazzos Vorstellung sein, an welche sich Kritiker und Filmbesucher zukünftig erinnern werden und welche unausweichlich bekannt werden wird als die Bathory Szene, benannt nach der Gräfin Elizabeth Bathory, auch bekannt als die Blutige Herrin von Cachtice. Sie soll im 16. Jh. angeblich im Blute von jungfräulichen Mädchen gebadet haben, um sich so ihre Jugend zu bewahren. Es lohnt sich allein für diese Szene das Film anzuschauen. Man sagt, dass Matarazzo sich peinlich genau dafür mit Yoga Stunden und viele Minuten auf den Kopf gestellt bereitet hat.

Wir sollten auch den Part nicht vergessen, welchen die Slovaken selbst im Film spielen. Das “Hostel”-Team kehrt zurück in die malerische Ausstattung von Cesky Krumlov und es gibt für es - weil “Hostel 2” anders als “Hostel” nicht im Winter gefilmt wurde – neue Seiten des Dorfes zu entdecken. Der frühere slovakische Kulturminister Milan Knazko spielt die Hauptrolle von Sasha, einen Anthony Hopkins ähnlichen Kartellboss, der die Folterungen organisiert. Er gibt eine sehr talentierte Vorstellung, einerseits wenn er spricht und andererseits wenn er nicht spricht, wie wenn er in einer schaurigen Szene das Beste aus einer Bubblegum Gang herausbringt, einer Bande ortsansässiger Kinder, die unabhängig vom allmächtigen Kartell zu agieren scheint. Es ist eine sonderbare Dynamik, wenn dieses Kartell zwar peinlichst genaue Details von Klienten wie auch von Opfern herausfinden und rund um den Erdball Akte entsetzlicher Grausamkeit ausführen kann, aber irgendwie eine Bande obdachloser Kinder unmittelbar vor seiner eigenen Haustür nicht zu kontrollieren vermag. Vielleicht ein Thema für “Hostel 3”?

Während der sehr erfolgreiche Film “Hostel” vom asiatischen Kino beeinflusst war, sagt Direktor Eli Roth von dieser sehr sehenswerten Fortsetzung, sie sei vom italienischen Giallo-Kino der 70er-Jahre geformt worden. Er hat es geschafft, sie vom Original so verschieden zu gestalten, dass wir nie behaglich mit dem Umfang an Langweile dasitzen, der oftmals das Anschauen einer Fortsetzung begleitet. Wenn du den ersten Film gern gehabt hast, wirst du vermutlich auch diesen mögen.

Lauren German : Beth
Roger Bart: Stuart
Heather Matarazzo: Lorna
Bijou Phillips: Whitney
Richard Burgi: Todd
Vera Jordanova: Axelle
Jay Hernandez: Paxton
Jordan Ladd: Stephanie
Milan Knazko: Sasha
Edwige Fenech: Kunstprofessorin
Monika Malacova: Frau Bathory
Stanislav Ianevski: Miroslav
Patrik Zigo: Bubblegumbande Leiter
Zuzana Geislerová: Inya
Ivan Furak: Bewacher

Elizabeth - Das goldene Königreich (UK/Frankreich/Deutschland 2007)
Regisseur: Shekhar Kapur
Originaltitel: Elizabeth: The Golden Age


Cate Blanchett
Im 16. Jahrhundert brachten religiöse Querelen Westeuropa den Unfrieden. Katholischer Fanatismus kam in Spanien ans Ruder, und die Inquisition folterte und mordete täglich des Unglaubens Verdächtigte. König Philip von Spanien steigerte sich in eine andere Gefährdung der römisch-katholischen Kirche hinein – das protestantische England, das nun gleichermaßen bei der Religion wie auf dem Meer zum Rivalen geworden war. Im Brennpunkt seines Eifers stand Königin Elizabeth, Englands jüngferliche Königin, deren Protestantismus ihn sehr verärgerte. Sie ihrerseits kerkerte ihre katholische Rivalin für den Thron von England ein, Mary Stuart, bekannt als Mary, die schottische Königin. Das ist der Hintergrund dieser Filmfassung der hoch geschätzten ‚Elizabeth'. Sie wird Fans von kostümreichem Theater sowie ausgeklügelter Filmtechnik erfreuen. Diejenigen, die gerne Geschichte sorgfältig neu erschaffen sehen möchten, werden vielleicht ein bisschen weniger begeistert sein.

Cate Blanchett spielt die Hauptrolle als Königin Elizabeth und wird gut unterstützt vom beständig großartigen Geoffrey Rush, der die Rolle von Sir Frances Walsingham wieder aufnimmt, die er schon 1998 im ursprünglichen Film spielte. Der aus Queensland Stammende hat eine Schaffensliste von außergewöhnlicher Länge, die sich vom kürzlich produzierten ‚Fluch der Karibik 3: Das Ende der Welt' zurückspannt über Jahrzehnte von Fernsehauftritten in seinem heimatlichen Australien und in England.

‚Elizabeth - das goldene Zeitalter' übernimmt wieder die Geschichte vom 1998er Original, aber es ist die Präsenz des Sir Walter Raleighs, der auf fast komische Weise von Clive Owen gespielt wird, die den Film zu dominieren anfängt. Er ist weder glaubhaft noch würdig als Elizabethanische Ausgabe eines Errol Flynn. In der Tat war Raleigh ein religiöser Fanatiker, der sich an zwei Massakern an Zivilisten auf der Rathlin Insel und in Smerwick beteiligte. Hier ist er aber eher wie eine Mischung aus Kapitän Flashheart (von der englische Serie ‚Blackadder') und Casanova dargestellt. Elizabeths sexuelle Verstricktheit mit ihm wird zum Mittelpunkt des Films. Zeitweise scheint sie die bevorstehende Invasion der Spanier eher als unwillkommene Ablenkung von ihrem Liebesspiel zu betrachten. Warum macht man sich überhaupt die Mühe mit einem historischen Drama, wenn es letztlich nur die Kulisse zu einer Liebesgeschichte abgibt? Schließlich kommt Elizabeths Kammerfrau, Bess Throckmorton (Abbie Cornish) ins Spiel, und der Film kehrt zu besseren Absichten zurück.

Die Beziehung zwischen der Königin und ihrem engsten Dienstmädchen ist sehr gut dargestellt. Elizabeth scheint zu schwanken. Manchmal lässt sie die Zwänge ihres Amtes ihren Spielraum begrenzen, und sie lebt ihr Leben indirekt, durch Bess. Ab und zu jedoch kommt es vor, dass Raleigh sie dazu verleitet, ihre wahre Leidenschaft zu zeigen. Als sie sich endlich von Bess, der Trägerin ihrer Emotionen, trennt, erhebt sie sich zum Rang einer Kriegsgöttin und führt ihr Volk zum Sieg.

Der Verlust des Armadas war eines der beschämendsten Verluste in der Geschichte des spanisches Militärs. Kapur merkt an, wenn der Wind aus einer andere Richtung geweht hätte, „würden wir jetzt alle Spanisch sprechen“. Vielleicht hat er Recht, aber die Darstellung von solch monumentalem historischen Geschehen hat wahrlich mehr als eine Nebenrolle zur Untermalung einer unwahrscheinlichen romantischen Handlungslinie verdient.

Cate Blanchett: Queen Elizabeth I
Geoffrey Rush: Sir Francis Walsingham
Clive Owen: Sir Walter Raleigh
Jordi Mollà: King Philip ll of Spain
John Shrapnel: Lord Howard
Aimee King: Infanta
Susan Lynch: Annette
Elise McCave: Laundry Woman
Samantha Morton : Mary Stuart
Abbie Cornish: Elizabeth Throckmorton
Penelope McGhie: Margaret
Rhys Ifans: Robert Reston
Eddie Redmayne: Thomas Babington
Stuart McLoughlin: Savage
Adrian Scarborough: Calley

An ihrer Seite (Kanada 2006)
Regisseur: Sarah Polley
Originaltitel: Away From Her


Julie Christie und Gordon Pinsent
Die kanadische Schauspielerin Sarah Polley schrieb das Drehbuch und führte Regie bei diesem Film nach einer Kurzgeschichte von Alice Munro.

Die sensible Darstellung eines glücklich verheirateten Ehepaares in seinen 60ern, das sich mit den frühen Symptomen der Alzheimer Krankheit der Ehefrau auseinander setzen muss, wäre eine großartige Leistung für jeden Drehbuchautor oder Regisseur, aber noch mehr ist sie es für Polley, die bei der Filmveröffentlichung erst 27 Jahre alt war.

Grant und Fiona Anderssen (Julie Christie und Gordon Pinsent) feiern ihren 44. Hochzeitstag, als sich bei Fiona die ersten beunruhigenden Symptome von Gedächtnis­­- verlust und Verwirrung zeigen. Beide Partner sind sehr belesen und drücken sich gut aus - er ist ein ehemaliger Universitätsprofessor. Sie setzen sich damit auseinander, was vor ihnen liegt: Gedächtnis-, Verständnis- und eventuell Persönlichkeitsverlust,  wenn sich das Hirn langsam verändert. Grant möchte Fiona so lang wie möglich daheim lassen, jedoch sie entscheidet sich dazu, in ein nahe gelegenes Pflegeheim zu ziehen, so lange sie noch funktionieren kann und in sich stimmig ist.

Das Pflegeheim hat eine Vorschrift, dass neue Pflegebedürftige 30 Tage lang keine Besucher empfangen dürfen, anscheinend damit der Übergang einfacher ist, jedoch Schwester Kristy (Kirsten Thomsen) lässt Grant, der mit der Trennung von Fiona kämpft, wissen, dass diese Regelung günstiger für das Pflegepersonal ist.

Während dieser 30 Tage beginnt Fiona sich für einen anderen Patienten zu interessieren, den stillen, rollstuhlabhängigen Aubrey. Wenn Grant sie schließlich besucht, scheint sie ihn nicht zu kennen, obwohl es Anzeichen gibt, dass dies teilweise ihre Entscheidung ist und möglicherweise mit Sachen zu tun hat, die vor vielen Jahren in ihrer Ehegeschichte passiert sind. Grant kämpft mit der Situation und schließlich sucht er Marian (Olympia Dukakis) auf, die Frau von Aubrey, das letzte Stück des Mosaiks.

Alle Rollen sind ausgezeichnet gespielt, die Geduld und versteckte Angst von Grant, Fionas Würde und Verletzlichkeit, Marians Verbitterung und Über­- schwänglichkeit. Die Inszenierung bleibt einfach, lässt viel Zeit und Raum, damit die Geschichte sich vor dem Hintergrund des kanadischen Winters und Vorfrühlings entfalten kann. Eingewebt sind subtile Symbole, wie die sich wiederholenden Bilder von Skispuren im Neuschnee, oder die Gedichte, die Grant seiner Frau vorliest, ihr Zusammenleben spiegelnd.

Vielleicht sind die Schneeszenen und Gedichtlesungen, die distanzieren, notwendig, um diese seelisch aufreibende Geschichte erträglich zu machen. Denn sie zwingt den Zuschauer, sich wichtige Fragen über Liebe und Sterblichkeit zu stellen, oder dazu, was er oder sie an Grants oder Fionas Stelle tun würden.

Julie Christie: Fiona Andersson
Gordon Pinsent: Grant Andersson
Olympia Dukakis: Marian
Stacey LaBerge: Die Junge Fiona
Deanna Dezmari: Veronica
Clare Coulter: Phoebe Hart
Thomas Hauff: William Hart
Alberta Watson: Dr. Fischer
Grace Lynn Kung: Die Krankenschwester Betty
Lili Francks: Theresa
Andrew Moodie: Liam
Wendy Crewson: Madeleine Montpellier
Judy Sinclair: Frau Albright
Tom Harvey: Michael

Mona Lisas Lächeln (Kanada 2006)
Regisseur: Mike Newell
Originaltitel: Mona Lisa Smile

Eine wunderbare Besetzung bringt diese Handlung zum Leben. Julia Roberts spielt die Kunsterzieherin Katherine Ann Watson, die Kalifornien 1953 verlässt, um eine Stelle als Kunsterzieherin bei einem konservativen Frauencollege in New England anzunehmen. In vielen Aspekten ist der Ansatz ähnlich wie beim Club der toten Dichter (Dead Poets Society), indem auch Watson als eine unorthodoxe Dozentin bei einer konventionellen Institution (in diesem Fall Wellesley College) anfängt.

Wellesley und seine Zeitgenossen hatten sich als Bildungsträger verkleidet, sie waren aber eigentlich nur Pensionate für "höhere Töchter", wo Männer von den Eliteuniversitäten eine passende Frau finden konnten. "Mona Lisas Lächeln " erzählt die Geschichte von vier solcher Mädchen , und wie ihre Lebenswege sich mit der Figur überkreuzen, die Roberts darstellt . Mit ihrer überzeugenden Aufführung als die boshafte, aber unsichere Studentin Betty Warren, klaut Kirsten Dunst fast das Rampenlicht von Julia Roberts. Einiges von dem Wechselspiel zwischen Warren und der Kunsterzieherin Katherine Ann Watson á la Julia Roberts ist grossartig anzuschauen. Die Methoden von Watson sind unorthodox und sie treten der mürrischen Institution entgegen, die hervorragend dargestellt ist von der Präsidentin von Wellesley, Jocelyn Carr (Marian Seldes), und beleidigen sie. Wie bei Roberts und Dunst gibt es auch in den Nebenrollen wunderbar gespielte Szenen. Besonders fallen Maggie Gyllenhaal als die Studentin Giselle Levy und Juliet Stevenson als die Krankenschwester Amanda Armstrong auf.

In einer Epoche , in der viele Kritiker meinen, dass starke Frauen-Rollen fehlen, widersetzt sich Mona Lisas Lächeln. Der Film ist eigentlich am besten in den Szenen ohne Männer. Allerdings sind die männlichen Darsteller in Mona Lisas Lächeln ziemlich eindimensional. Sie werden meist als entweder den Ehrgeiz und das Talent der Frauen ablehnend , oder als Serienfrauenjäger dargestellt. Die Besetzung spielt die Rollen so gut wie möglich , aber in Wirklichkeit hat dieser Film den weiblichen mehr als den männlichen Zuschauern zu bieten .

Das Leben ist für Frauen 1953 sehr viel anders als heutzutage , und Mona Lisas Lächeln bringt feministische Themen hoch , ohne uns Vorhaltungen dazu zu machen. Watson ermutigt ihre Studentinnen , weiter zu studieren und sich selbst intellektuell zu erfüllen. Sie stößt aber auf eine Kultur, die glaubt, dass die Ambition einer Frau ihren Höhepunkt mit der Hochzeit erreicht haben sollte. Der Film dient als eine nützliche Erinnerung, dass Frauen um die (unvollkommene) Gleichheit, die sie heute genießen, kämpfen mussten .

Julia Roberts: Katherine Ann Watson
Kirsten Dunst: Betty Warren
Julia Stiles: Joan Brandwyn
Maggie Gyllenhaal: Giselle Levy
Ginnifer Goodwin: Connie Baker
Dominic West: Bill Dunbar
Juliet Stevenson: Amanda Armstrong
Marcia Gay Harden: Nancy Abbey
John Slattery: Paul Moore
Marian Seldes: Präsidentin Jocelyn Carr
Donna Mitchell: Frau Warren
Terence Rigby: Dr. Edward Staunton
Jennie Eisenhower: Mädchen im Bahnhof
Leslie Lyles: Wohnungsdirektor
Laura Allen: Susan Delacorte

Talk to Me (USA 2007)
Regisseur: Kasia Lemmons

Lemmons versucht mit dieser bisweilen humorvollen Biografie über Ralph “Petey” Greene (Don Cheadle) das Washington DC der 1960er Jahre nachzubilden. Michael Genet und Rick Famuyiwa schrieben die Biographie, die lose dem Leben eines Sträflings folgt, der von der Straße zu einem einflussreichen und erfolgreichen Diskjockey im lokalen Radiomarkt aufrückt.

Soul, Funk und R&B waren zu der Zeit populär in den Straßen von DC, aber daneben wurde auch das Gefühl stärker, dass die afroamerikanische Gemeinschaft nicht länger die schlechte Behandlung durch die Behörden tolerieren muss und dass ihr Musikgeschmack von den populären Medien ignoriert wurde. Seine Entschlossenheit, die ’Dinge so zu sagen, wie sie sind’ und die Hilfe des Radioprogrammdirektors Dewey Hughes (Chiwetel Ejiofor) verhalfen Greene mit Charme und Schwindelei zu einem Sendeplatz auf WOL-AM.

Dewey Hughes besucht seinen Bruder Milo (Mike Epps) im Gefängnis von Lorton, als er zum ersten Mal Greene trifft, der dort für das Gefängnisradio arbeitet. Greene gelingt es Hughes das Versprechen abzunehmen, ihn in der Zukunft zu beschäftigen. Tatsächlich wird er viel früher als erwartet aus dem Gefängnis entlassen und es gelingt ihm, den versprochenen Job anzutreten. Dies ist der Beginn einer langen, ungewöhnlichen Freundschaft zwischen den beiden. Beide bringen etwas Neues in das Freundschafts- und Geschäftsverhältnis, etwas, das dem anderen fehlt oder wovor sich der andere möglicherweise fürchtet.

Die anderen afroamerikanischen DJ’s, die für den Sender arbeiten, Nighthawk (Cedric the Entertainer) und Sunny Jim (Vondie Curtis-Hall), sind schnell am Ende, wenn Greene sein überschäumendes Talent und seine entwaffnende Ehrlichkeit auf der Radiowelle überträgt. Allerdings wird seine Fassade nur das zu tun, was er will und wann er es will, die den Radiosenderbesitzer E G Sonderling (Martin Sheen) gehörig in Rage bringt, in Frage gestellt, wenn externe Ereignisse seine Abkopplung von der Außenwelt beenden. Der Film handelt im Wesentlichen davon, wie er und Hughes mit der Auseinandersetzung zum echten Leben außerhalb der eigenen Wohlfühlzone umgehen. Während Hughes’ Ambitionen für seinen Protegé wachsen, so wächst im gleichen Maß Greenes sichtbares Unbehagen, das seinen Höhepunkt erreicht, wenn sich die Fernsehanstalten bei ihm melden. Er war ein großer Name in der kleineren Welt der Afroamerikaner in Washington DC, konnte oder wollte sich aber nicht mit der größeren Welt messen, in die Hughes ihn zu drängen versuchte.

Das Zusammenspiel von Cheadle und Ejiofor ist interessant und gelegentlich elektrisierend, insbesondere dann, wenn Cheadles’ Charakter “Petey“ Greene Huges ethnische Berechtigung in Frage stellt. Obwohl Greene eine eher abstoßende und unehrliche Person ist, fällt es doch schwer, ihn nicht zu mögen. Sie werden sehen, wie sie ihm zum Erfolg anfeuern, ungeachtet dessen, dass seine Lebensansichten nicht zwingend Ihren entsprechen werden. Heutzutage würden wir ihn einen Schock-Diskjockey nennen; vielleicht war er einer der ersten.

Greene starb 1984 an Krebs, allerdings erst nachdem er in Jimmy Carters’ Weißes Haus eingeladen wurde und das Ohr es Mächtigen für einen Moment hatte. Dewey Hughes wurde eine tragende Figur auf Radio One und gab sein persönliches Zulassungssiegel zum Film, als er die Premiere besuchte. Greenes Familie war weniger begeistert und entlockte Kasi Lemmons eine Reaktion. Als Antwort auf die Kritik von Greenes Familie über seine Darstellung als alkoholkranker Frauenheld, sagte sie, sie wollte einen Film und keine Biografie machen.

Also ich nenne dies einen Film – und keineswegs einen schlechten noch dazu. Ich persönlich freue mich darauf zu sehen, was insbesondere Ejiofor als nächstes vorhat.

Don Cheadle: Ralph Waldo 'Petey' Greene
Chiwetel Ejiofor: Dewey Hughes
Bruce McFee: Prison Sign-In Guard
Mike Epps: Milo Hughes
Peter MacNeill: Warden Cecil Smithers
Adam Gaudreau: Escorting Guard
Taraji P. Henson: Vernell Watson
Cedric the Entertainer: 'Nighthawk' Bob Terry
Martin Sheen: E.G. Sonderling
J. Miles Dale: Program Director
Sean MacMahon: Ronnie Simmons
Richard Chevolleau: Poochie Braxton
Martin Randez: Hadley
Todd Schroeder: Guard Captain (als Todd William Schroeder)
Vondie Curtis-Hall: Sunny Jim Kelsey

Spuren eines Lebens (USA/Deutschland 2007)
Regisseur: Lajos Koltai
Originaltitel: Evening


Clare Danes
Obwohl in „Evening“ unzählige Hollywoodgrößen zu sehen sind, gelingt es dem Film doch zumeist Hollywood-Clichés zu vermeiden und seinen komplexen Plot raffiniert voranbringen. Vanessa Redgrave in der Hauptrolle der Ann spielt eine alte Frau in ihren letzten Tagen, die von ihren beiden Töchtern Connie und Nina (Natasha Richardson and Toni Collette) tagsüber und von einer mysteriösen irischen Krankenschwester zur Nachtzeit besucht wird. Als sie dem Tod näher rückt, geht sie in Gedanken zurück an den entscheidenden Punkt ihrer Jugendzeit – das Wochenende, an dem sie den einzigen Mann, den sie wirklich liebte, gewann und verlor.

Die Story dieses schicksalhaften Wochenendes wird in langen Rückblenden erzählt. Die junge Ann (Claire Danes) kommt gerade im Sommersitz der Winterborns an. Sie ist die Brautjungfer ihrer besten Freundin Lila (Mamie Gummer), einer jungen Frau der feinen Gesellschaft, deren andere Brautjungfern auf die aufstrebende Sängerin Ann herabschauen. Lilas’ trinkfreudiger Bruder Buddy (Hugh Dancy), der es schon lange auf Ann abgesehen hat, macht sie mit Harris (Patrick Wilson) bekannt, dem Sohn ihres früheren Hauswirtschafters, der nun ein ansässiger Arzt ist. Harris ist charmant und rätselhaft. Er weist eine Frau zurück, um eine andere zu verführen, ohne jedoch zuviel von sich selbst preiszugeben.

Während der Film sich in der Zeit vor und zurück bewegt, driftet die ältere Ann immer tiefer in die Vergangenheit und wird nur von ihren Töchtern zurückgerufen, die sie brauchen. Eine der Töchter hat mit ihrem eigenen Leben in einer Weise zu kämpfen, die sich stellenweise mit dem Schicksal ihrer Mutter spiegelt. Beide Geschichten rücken der Krise bedächtig näher mit einem Tempo, das weder den Höhepunkt durchhetzt, noch sich zu lange an den Details aufhält.

Es gibt viele großartige Vorstellungen in dem Film. Clare Danes und Vanessa Redgrave haben beide eine Anlage und die Fähigkeit, Intensität in ihre Rollen zu bringen, ohne übertrieben zu erscheinen. Der Eindruck, dass sie wirklich ein und dieselbe Person sind, getrennt von 50 Jahren, ist viel stärker als in vielen ähnlichen Filmen. Meryl Streep überzeugt ebenfalls als die ältere Lila, mit der selben Gelassenheit und Resignation wie ihr jüngeres Pendant. Glenn Close macht ebenfalls einen guten Job als Lila und Bens Mutter, eine verspannte Gastgeberin der guten Gesellschaft.

Die männlichen Charaktere sind nicht immer so solide gezeichnet. Hugh Dancy als Buddy agiert an manchen Stellen zu überzogen und Patrick Wilsons’ Harris erscheint nicht wirklich beeindruckend genug, um der entscheidende Mann im Leben so vieler Frauen zu sein. In der Gegenwartsgeschichte überschattet Toni Collettes Nina, ebenfalls ein wenig ihren Partner Luc (Ebon Moss-Bachrach). Ob nun beabsichtigt wurde, das Leben von Frauen in den Mittelpunkt des Films zu rücken und Männern nur einen Nebenrolle zukommen zu lassen oder ob dies einfach nur ein Produkt der Besetzung so vieler verblüffend guter Schauspielerinnen ist, macht am Ende keinen Unterschied. Allerdings wird der Film auf Grund dessen eher zu einem Frauenfilm, denn zu einem mit breiterem Anklang.

Claire Danes: Ann Grant
Toni Collette: Nina Mars
Vanessa Redgrave: Ann Lord
Patrick Wilson: Harris Arden
Hugh Dancy: Buddy Wittenborn
Natasha Richardson: Constance Lord
Mamie Gummer: Lila Wittenborn
Eileen Atkins: Die Krankenschwester
Meryl Streep: Lila Ross
Glenn Close: Mrs. Wittenborn
Ebon Moss-Bachrach: Luc
Barry Bostwick: Mr. Wittenborn
David Furr: Ralph Haverford
Sarah Viccellio: Lizzie Tull
Cheryl Lynn Bowers: Peach Howze

Golden Door (Italien 2006)
Regisseur: Emanuele Crialese
Originaltitel: Nuovomondo

Der Filmtitel „Golden Door“ (Goldene Tür) in der englischen Version von Crialeses Geschichte über sizilianische Einwanderer ist einem Gedicht von Emma Lazarus entnommen, das im Innern der Freiheitsstatue auf einer Plakette eingraviert ist. Wörtlich übersetzt bedeutet „Nuovomondo“ Neue Welt. Der Film selbst ist fein säuberlich in drei Teile gegliedert, Sizilien, die Schiffspassage und Ellis Island. Es ist eine einfache Geschichte, die vielen von uns bekannt vorkommen wird. Sie handelt von Hoffnung, falschen Erwartungen und der Realität. Überwiegend in Sizilien gedreht, hinterlässt „Golden Door“ beim Zuschauer den Eindruck, nicht ganz fertig gestellt worden zu sein.

Salvatore Mancuso (Vincenzo Amato) ein armer sizilianischer Farmer, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts dazu entschließt, zusammen mit seiner Mutter Fortunata (Aurora Quattrocchi) und den Söhnen Angelo (Francesco Casisa) und Pietro (Filippo Pucillo) nach Amerika auszuwandern. Fortunata will ihre Heimat zunächst nicht verlassen, aber die Hoffnung, Salvatore und seinen Zwillingsbruder wieder vereint zu sehen, veranlasst sie, sich auf die Reise zu machen. Dennoch sträubt sie sich kraftvoll gegen alles Neue, Fremde oder Aufdringliche. Salvatores blühende Fantasie in Bezug auf das, was ihn in der Neuen Welt erwartet – Flüsse, in denen Milch fließt und Gemüse so groß, das es nicht auf eine Schubkarre passt – hilft ihm über das hinweg, was er zurücklassen muss, und gibt ihm Mut für die beschwerliche Reise, die vor ihm und seiner Familie liegt.

Während sie an Bord des Schiffes gehen, treffen sie auf die mysteriöse Lucy Reed (Charlotte Gainsbourg). Wie eine vornehme englische Dame wie sie dazu kommt, mit von bitterer Armut geplagten Sizilianern auf dem Schiff zusammengepfercht die Überfahrt nach Amerika anzutreten, wird im Film nie wirklich erklärt. Salvatores Leben jedoch wird danach nie wieder dasselbe sein. Nichtsdestotrotz macht der Mangel an charakterlichem Tiefgang es für den Zuschauer schwierig, auch nur ansatzweise Mitleid für die Protagonisten des Films zu empfinden, und lässt ihn darüber spekulieren, was denn nun eigentlich Sinn und Zweck des Films ist. Auf der anderen Seite könnte genau dies die Ansicht Crialeses gewesen sein: Appetit auf eine Fortsetzung zu machen.

Charlotte Gainsbourg: Lucy Reed
Vincenzo Amato: Salvatore Mancuso
Aurora Quattrocchi: Fortunata Mancuso
Francesco Casisa: Angelo Mancuso
Filippo Pucillo: Pietro Mancuso
Federica De Cola: Rita D'Agostini
Isabella Ragonese: Rosa Napolitano
Vincent Schiavelli: Don Luigi
Massimo Laguardia: Mangiapane
Filippo Luna: Don Ercole
Andrea Prodan: Del Fiore
Ernesto Mahieux: Dr. Zampino

Klimt (Österreich 2006)
Regisseur: Raoul Ruiz

Die Annahme ist weit verbreitet, dass jeder Film, in dem John Malkovich mitspielt, automatisch das Werk eines Genies sein muss und wenn der Zuschauer dies nicht erkennen kann, dann ist er das Problem. Allerdings ist dies ein ziemlich irritierender Film, in dem es oft schwer fällt zu sagen, welche Charaktere der Wirklichkeit entstammen und welche Produkte aus Klimts Fantasie sind. Der Film lässt sich auch nicht als Biographie beschreiben, denn es wird kaum ein Detail aus Klimts Leben gezeigt und die Handlung fokussiert sich fast ausschließlich auf eine Zeitperiode. Ruiz bezeichnet den Film als ein “Truggebilde“. Die Filmfigur selber ist das Stereotyp des rebellischen Künstlers, der sich den Behörden widersetzt und oft flucht. Seine Frauengeschichten eröffnen Regisseur Raoul Ruiz ein Feld für reichlich nackte Weiblichkeit und die Ära, in welcher der Film spielt, ermöglicht die Darstellung exzellenten Kostümdesigns. Jedoch nuschelt sich Malkovich eher durch den Film.

Es tritt auch eine ganze Reihe Lea de Castors auf, aber da sie alle von der selben Schauspielerin verkörpert werden, Saffron Burrows, ist es nach kurzer Zeit unmöglich sie zu unterscheiden. Der einfachste Weg zu beschreiben, worum es im Film eigentlich geht, ist unzweifelhaft Klimts Unterhaltung mit dem Dritten Minister der Ewigkeit (Stephen Dillane), aber auch hier ist alles bedeckt von Analogien, Hinweisen und Mystik. Ein Resultat dessen ist, dass die Ratlosigkeit des Zuschauers nur sehr geringfügig gemindert wird. Dies führt uns zur Sprache. Der Spanier Raoul Ruiz schrieb das Drehbuch auf Französisch. Danach wurde es auf Deutsch übersetzt für die Filmcrews an den österreichischen und deutschen Drehorten, bevor es dann für die Darsteller von Gilbert Adair ins Englische übersetzt wurde. Die österreichischen Charaktere unterhalten sich auf Englisch miteinander, was natürlich Deutsch darstellen soll. Seltsamerweise sprechen aber einige der Figuren tatsächlich auf Deutsch. Es steht zu vermuten, dass dies geschah, um zu zeigen, dass die gesamte Kunstgemeinde innerhalb ihrer eigenen Blase lebt. Nichtsdestotrotz wird der Zuschauer in diesem Film nichts über Klimt erfahren, allerdings kann man viel nackte Haut und nette Kostüme sehen. Es ist Programmkino, es ist Erotik und es ist außerdem nicht wirklich gut.

John Malkovich: Gustav Klimt
Veronica Ferres: Emilie Flöge
Stephen Dillane: Secretary
Saffron Burrows: Lea de Castro
Sandra Ceccarelli: Serena Lederer
Nikolai Kinski: Egon Schiele
Aglaia Szyszkowitz: Mizzi
Joachim Bissmeier: Hugo Moritz
Ernst Stötzner: Minister Hartl
Paul Hilton: Duke Octave Herzog
Annemarie Düringer: Klimt's Mother
Irina Wanka: Berta Zuckerkandl
Florentín Groll: Messerschmidt (as Florentin Groll)
Miguel Herz-Kestranek: Dr. Stein
Marion Mitterhammer: Hermine Klimt

La Vie en Rose (Frankreich/UK/Tschechische Republik 2007)
Regisseur: Olivier Dahan
Originatitel: La Môme

Diese epische Biographie über die legendäre französische Sängerin Edith Piaf besitzt eine Anziehungskraft weit über die Grenzen des fremdsprachigen Kinos hinaus. Marion Cotillard erhebt sich über ihre Schauspielkollegen und liefert eine Darstellung, die schwer zu übertreffen sein wird, egal, wohin sie ihre künftige Karriere auch führen mag. Dahans Portrait der Armut, in der Piaf aufwächst, und ihres stürmischen und selbstzerstörerischen späteren Lebens garantieren keinen Mangel an Dramatik in dem über zwei Stunden langen Film. Die Geschichte beginnt mit der fünfjährigen Piaf (Manon Chevallier), damals noch Édith Giovanna Gassion, die als verträumter Zaungast in dem Bordell ihrer Großmutter (Catherine Allégret) in der Normandie aufwächst. Von der Hornhautentzündung in ihrer Kindheit, die Piaf beinahe das Augenlicht gekostet hätte, über die Morphiumabhängigkeit ihres Vaters, das Elend, das Piafs Einstellung zum Leben und zu ihrer Musik prägte, werden offen zur Schau gestellt.

Niemand sollte diesen Film jedoch als eine faktisch stimmige Wiedergabe ihres Lebens betrachten. Einige Dinge werden verklärt oder vernachlässigt, wie beispielsweise die Tatsache, dass Piaf an Krebs starb und nicht etwa an den Folgen ihres ausschweifenden Lebensstils und einer Serie von Autounfällen. Nach eigenen Aussagen versuchte Cotillard erst gar nicht Piaf zu imitieren, wodurch ihre Darstellung gewinnt. Einige Zuschauer werden die häufigen Zeitsprünge verwirrend finden, und tatsächlich springt der Film von Piafs Kindheit zu ihrem Erwachsenenleben bis hin zu kurz vor ihrem Tod – und wieder zurück. Der Maskenbildner Didier Lavergne leistet großartige Arbeit, um Cotillard wie eine 45-jährige aussehen zu lassen, die aber aufgrund ihrer schlechten Gesundheit gut 20 Jahre älter erscheint. Ein Kritiker gab zu der Auffassung gewesen zu sein, dass zwei verschiedene Schauspielerinnen Piaf in diesen beiden Lebensabschnitten darstellen. Cotillard selbst verdient großes Lob für ihre körperliche Darstellung des Rheumatismus und der Gebrechlichkeit, die Piaf in ihrem späteren Leben so sehr zu schaffen machten.

Fast alle Lieder („Heaven Have Mercy“, „Milord“, „La foule“, „Cri du cœur“, „La vie en rose“, „Padam Padam“, „Mon Dieu“, „Hymne à l'amour“, „Mon manège à moi“, und der Klassiker „Non, je ne regrette rien“) sind Originalaufnahmen Piafs. „Parogote“-Sängerin Jil Aigrot steuert weitere vier hinzu („Mon Homme“, „Les Mômes de la Cloche“, „Mon Légionnaire“, „Les Hiboux“). Digital aufbereitet sind sie heute noch so kraftvoll und mitreißend wie zu Piafs Zeiten. Eine rühmliche Ausnahme stellt natürlich die Marseillaise dar. „La Vie en Rose“ gesellt sich zu Filmen wie „Casablanca“, „Napoléon“, „Escape to Victory“ und Jean Renoirs fantastischer „La Grande Illusion“, die sich einer gefühlsgeladenen Version der französischen Nationalhymne bedienen. In „La Vie en Rose“ wird sie von der jungen Sängerin Cassandre Berger vorgetragen.

Obwohl solche Themen wie ein tragischer Tod, Krankheit, eine schwere Kindheit und die selbstzerstörerische Ader, die Voraussetzung für jede filmische Biographie zu sein scheint, ein wenig abgenutzt und Handlung und Dialoge mitunter schwach sind, macht Cotillards Darstellung den Film sehenswert.

Marion Cotillard: Edith Piaf
Sylvie Testud: Mômone
Pascal Greggory: Louis Barrier
Emmanuelle Seigner: Titine
Jean-Paul Rouve: Louis Gassion
Gérard Depardieu: Louis Leplée
Clotilde Courau: Anetta
Jean-Pierre Martins: Marcel Cerdan
Catherine Allégret: Louise
Marc Barbé: Raymond Asso
Caroline Sihol: Marlene Dietrich (als Caroline Silhol)
Manon Chevallier: Edith - 5 Jahre alt
Pauline Burlet: Edith - 10 Jahre alt
Elisabeth Commelin: Danielle Bonel
Marc Gannot: Marc Bonel

Tödliche Versprechen (England 2007)
Regisseur: David Cronenberg
Originaltitel: Eastern Promises

Steven Knights hervorragende Erzählung über Mord und Intrigen spielt in London, wo Anna Ivanova (Naomi Watts), eine Hebamme des Trafalgar Krankenhauses, in die Fänge der Wory w Sakone gerät, einer Bruderschaft der russischen Mafia, nachdem ein neugeborenes Baby auf der Entbindungsstation eintrifft. Tatjana (Sarah-Jeanne Labrosse), die Mutter des Kindes, stirbt bei der Geburt. Als ein Tagebuch bei ihr gefunden wird, entschließt sich Anna, deren verstorbener Vater aus Russland stammte, es zu übersetzen, um die Familie des Kindes ausfindig zu machen.

Der Film folgt einem bewährten Erfolgsrezept. Er bietet eine gute Handlung, gute darstellerische Leistungen sowie eine gute Besetzung. Armin Mueller-Stahl, Veteran der amerikanischen TV-Serie „The West Wing“, ist überragend in der Rolle des nach außen hin charmanten Semjon, dem Besitzer eines vornehmen transsibirischen Restaurants. Als Annas Onkel Stepan (Jerzy Skolimowski) sich weigert, in die Sache verwickelt zu werden, wendet sie sich mit der Übersetzung des Tagebuchs an Semjon – und damit fangen ihre Probleme erst richtig an. Mueller-Stahl ist sowohl eiskalt als auch glaubwürdig und demonstriert seine Fähigkeit, mit minimaler Gestik und Mimik Gedanken zu übermitteln, so wie es sich für einen umsichtigen Mafioso in der Verkleidung eines ernstzunehmenden Geschäftsmannes gehört. Trotzdem ist es Viggo Mortensen, der in seiner zweiten Zusammenarbeit mit Cronenberg – „A History of Violence“ war die erste – in der Rolle des Nikolai allen die Show stiehlt. Nikolai ist augenscheinlich ein Wory w Sakone Chauffeur, dessen Obhut Semjon seinen unberechenbaren Sohnes Kirill anvertraut, einem Säufer, der seltsamerweise von dem Franzosen Vincent Cassel gespielt wird. Dennoch geben der Däne Mortensen, der Pole Skolimowski und der Deutsche Mueller-Stahl alle passable Russen ab, besonders Mortensen, der Angaben zufolge sogar bis in den entfernten Teil Russlands gereist sein soll, aus dem die Figur des Nikolai stammt.

Cronenbergs Film scheut nicht vor der Brutalität der Vorgehensweisen der Mafia zurück, noch schmückt er sie aus. Es gibt einige äußerst drastische Gewaltszenen, besonders auf Klingen und Äxte werden große Stücke gehalten, wenn es um das Zerstückeln von Mobmitgliedern geht. Trotzdem ist er aufs Äußerste unprätentiös. Selbst wenn der Film solchen Fragen nachgeht wie der, inwieweit die Loyalität zwischen Vater und Sohn diejenige zwischen Recht und Unrecht übertrifft, tut er das auf eine Art und Weise, die der Zuschauer nachvollziehen kann und die nicht von der Handlung ablenkt.

Viggo Mortensen: Nikolai
Naomi Watts: Anna
Vincent Cassel: Kirill
Armin Mueller-Stahl: Semyon
Sinéad Cusack: Helen
Mina E. Mina: Azim
Jerzy Skolimowski: Stepan
Donald Sumpter: Yuri
Josef Altin: Ekrem
Aleksandar Mikic: Soyka
Sarah-Jeanne Labrosse: Tatiana
Lalita Ahmed: Die Kundin
Badi Uzzaman: Der Chemiker
Doña Croll: Krankenschwester (als Dona Croll)
Raza Jaffrey: Dr Aziz

Once (Republik von Irland 2007)
Regisseur: John Carney

“Once” ist ein modernes Musical, eine klassische Boy-Meets-Girl-Story, in der es allerdings mehr um die Musik geht, die sie zusammen machen, als um die mögliche Romanze zwischen ihnen.

Der namenlose junge Mann (Glen Hansard, der Frontman der irischen Rockband “The Frames”) und das Mädchen (Markéta Irglová) begegnen sich in der Rathlin Street in Dublin, wo er als Strassenmusikant arbeitet und sie Blumen verkauft. Ihre Namen erfährt der Zuschauer während des gesamten Films nicht. Berührt von dem zu Herzen gehenden Text eines seiner Lieder bleibt sie stehen um mit ihm zu sprechen und versucht dabei von vorne herein, bei ihm Interesse an ihrem eigenem Leben hevorzurufen. Zögerlich, nach und nach, gelingt ihr das auch, und es wird schnell klar, dass die beiden einiges gemeinsam haben. Es stellt sich heraus, dass auch sie Musikerin ist, eine tschechische Immigrantin, die während ihrer Mittagspause auf einem ausgeliehenen Klavier spielt. Von da an werden die Songs geschickt in die Handlung eingewebt und dienen gleichsam dazu, das Zusammenkommen der beiden zu beschreiben sowie die Dinge, die sie voneinander trennen. Hansards Charakter ist nicht in der Lage, das Mädchen davon zu überzeugen, ihre Beziehung weiterzuentwickeln. Diese Unfähigkeit wird jedoch durch das Talent, sein Leben in Liedern auszudrücken, mehr als wettgemacht, besonders an einer Stelle, wo er sogar seinen Akzent und musikalischen Stil ändert, um ein für ihn besonders schmerzhaftes Erlebnis zu erzählen. Beide, er und sie, scheinen Angst vor dem Inhalt des Liedes zu haben, fühlen sich aber gleichzeitig von der Musik angezogen. Bald schon schreiben sie den Song zusammen, und die Musik beginnt ihre Beziehung zu definieren, nicht die Beziehung die Musik, die sie zusammen machen.

Die kraftvollsten und emotionsgeladensten Momente des Films werden durchgehend in seinen Liedern ausgedrückt, so zum Beispiel als der junge Mann die noch vorhandenen Gefühle für seine Ex-Freundin in wechselnden musikalischen Stilrichtungen beschreibt, oder als das Mädchen damit beginnt, provisorische Liedtexte in ein nicht vollendetes Musical von ihm zu einzubauen, während sie im Dunkeln singend eine Strasse hinuntergeht. Wenn sich die beiden unterhalten, sind sie befangen und vorsichtig, wenn sie singen hingegen klar und direkt. Anders als in einem traditionellen Musical ist die Musik immer ein natürlicher Teil der Handlung, niemals eine Showeinlage, die getrennt vom Plot stattfindet. “Once” fängt die kreative Energie der Musiker ein und macht sie für den Zuschauer durch wirklichkeitsnahe, strauchelnde Charaktere, die das, was sie nicht sagen können, singen, so real wie es der künstliche Rahmen eines Musicals hergibt.

Es gibt einige filmische Klischees hier, die den passionierten Kinogänger irritieren werden, wie beispielsweise die Darstellung eines Ozeans im Hintergrund, als es um einen besonders “tiefen” Moment in der Handlung geht, oder eine Motorradfahrt, die den Zuschauer wissen lassen soll, dass die beiden während eines Ausflugs Spass hatten. Carney kann sich besser in den musikalischen Szenen darstellen, während Irglová ein bemerkenswertes Filmdebut abliefert. Die Lieder wurden zum grössten Teil von Irglová und Hansard selbst geschrieben und befinden sich auf seinem ersten Soloalbum “The Swell Season”.

Liebhaber Irlands und alles, was damit zu tun hat, werden diesen Film schon allein wegen seines keltischen Charmes lieben, und Musikliebhaber werden es interessant finden, dem kreativen Prozess bei der Arbeit zuzusehen, aber es wäre übertrieben, diesen Film als grossartig zu bezeichnen. Er scheut vor einer genaueren Analyse grösserer Themen wie zum Beispiel dem der Einwandererproblematik und davor, wie sie eine Beziehung beeinflussen können, zurück, für die im Film sicherlich Zeit gewesen wäre. Dennoch ist es ein guter Film, der einige tolle darstellerische Leistungen vorzuweisen hat und auf jeden Fall ein guterTipp für ein Kino-Rendezvous ist.

Glen Hansard: Junger Mann
Markéta Irglová: Mädchen (als Marketa Irglova)
Hugh Walsh: Timmy Drummer
Gerard Hendrick: Hauotgitarist (als Gerry Hendrick)
Alaistair Foley: Bassist
Geoff Minogue: Eamon
Bill Hodnett: Der Vater des jungen Mannes
Danuse Ktrestova: Die Mutter des Mädchens
Darren Healy: Heroinabhängiger
Mal Whyte: Bill
Marcella Plunkett: Ex-Freundin
Niall Cleary: Bob

Alles auf Zucker (Deutschland 2004)
Regisseur: Dani Levy

Jackie Zucker (Henry Hübchen) liebt das Glücksspiel. Und wie alle leidenschaftlichen Glücksspieler lebt auch er nach der Devise: „Alles oder Nichts“. Sehr zum Leidwesen seiner Frau Marlene (Hannelore Elsner) springt für ihn meistens Letzteres dabei heraus, ganz gleich, bei welchem Einsatz. Folglich ist es um seine Ehe nicht gerade zum Besten bestellt, seine Tochter (Anja Franke) hat sich von ihm abgewandt, und seinem Sohn (Steffen Groth), einem ambitionierten Banker, ist der ständig in finanziellen Schwierigkeiten steckende Vater beim Erklimmen der Karriereleiter ein Klotz am Bein.

Auch gegenwärtig hat der arbeitslose Ex-DDR-Sportreporter keine Glückssträhne: Seine Frau will ihn endgültig verlassen, und der Gerichtsvollzieher droht ihm bei nicht umgehender Begleichung seiner Spielschulden mit einer Haftstrafe. Rien ne vas plus also für den Lebemann, so scheint es zumindest. Doch als Jackie per Zufall von einem mit 100.000 Euro dotierten Billardturnier erfährt, ist sich der talentierte Poolspieler sicher, dass da doch noch was geht.

Mitten in die Wettkampfsvorbereitungen platzt die Nachricht vom Tod seiner Mutter. Jackies Bruder Samuel (Udo Samel), ein orthodoxer Jude, der seinerzeit mit der Mutter in den Westen geflüchtet ist, informiert ihn in einem Telegramm über die anstehende Erbschaft. Einziger Haken: Der letzte Wille der Mutter verlangt, dass sich die beiden Brüder nach jüdischem Gesetz während der sich an die Beerdigung anschließenden sieben Tage langen Shiva versöhnen.

Nichts könnte Jackie, einem überzeugten Kommunisten, ferner liegen, aber die Aussicht auf den finanziellen Segen sowie der Druck seitens seiner Frau Marlene veranlassen ihn dazu, die strenggläubige Verwandtschaft anreisen zu lassen. Dass das Wiedersehen der feindlichen Brüder nicht ganz koscher vonstatten gehen kann, ist so klar wie die Tatsache, dass Jackie nur wegen des Testaments seiner Mutter nicht auf die Turnierteilnahme verzichten wird. Les jeux sont faits? Nicht für Jackie Zucker…

Levys Film ist nicht umsonst mit sechs Deutschen Filmpreisen (Lolas) ausgezeichnet worden. Von der hervorragenden Leistung seiner Darsteller, allen voran Henry Hübchen, abgesehen, prescht die Komödie frisch, fromm, fröhlich, frei in so viele Tabuthemen des Genres auf einmal vor, dass man die dabei an den Tag gelegte Dreistigkeit einfach bewundern muss: Ossi trifft Wessi, Orthodoxie auf Laissez-faire, deutscher Film mit jüdischen Witzen. Und was lernen wir daraus? Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Mazeltov!

Henry Hübchen: Jackie Zucker
Hannelore Elsner: Marlene Zucker
Udo Samel: Samuel 'Schmul' Zuckermann
Golda Tencer: Golda Zuckermann
Steffen Groth: Thomas Zucker
Anja Franke: Jana Zucker
Sebastian Blomberg: Joshua Zuckermann
Elena Uhlig: Lilly Zuckermann
Rolf Hoppe: Rabbi Ernst Ginsberg

Todeszug nach Yuma (USA 2007)
Regisseur: James Mangold
Originaltitel: 3:10 to Yuma

Elmer Leonards Roman wurde zum ersten Mal 1957 von Halsted Welles und Delmer Davies mit Glenn Ford in der Rolle des Bösewichts Ben Wade und Van Heflin als Dan Evans verfilmt. Ein halbes Jahrhundert später, in einem für das Westerngenre kommerziell und soziologisch gesehen sehr viel schwierigeren Zeitalter, liefert James Mangold nun ein Remake dieses Wildwestfilmklassikers. Der Versuchung widerstehend, einen Western zu drehen, der den gängigen Vorstellungen eines Westerns entspricht, kreiert Mangold erfolgreich einen, wie er selbst behauptet, Buddy-Movie, der geographisch und zeitlich in der Umgebung spielt, in der Western normalerweise angesiedelt sind.

Es gibt hier einige herausragende Einzelleistungen. Der im walisischen Haverfordwest (Pembrokeshire) geborene Christian Bale stellt schnell sicher, dass das Vermächtnis Wales’ erster schauspielerischer Garde nicht mit Richard Burton und Anthony Hopkins endet. Bale spielt Dan Evans, einen verwundeten Bürgerkriegsveteranen, der sich nach Ende des Krieges als Farmer niedergelassen hat, sich aber offen gestanden nicht besonders dazu eignet. Sein junger, an Tuberkulose leidender Sohn, Grundbesitzer, die ihn von seinem Land vertreiben wollen, eine Dürre, die seine Ernte vernichtet und die unmittelbar bevorstehende Ära der Eisenbahn, die seine Stadt Bisbee für immer verändern wird, bereiten ihm mehr als genug Sorgen. Darüber hinaus wächst sein ältester Sohn William (Logan Lerman) zum Mann heran und verleiht dem mangelnden Respekt seinem Vater gegenüber zunehmend Ausdruck. Fast zufällig wird er in den anhaltenden und brutalen Kampf zwischen der Southern Pacific Railroad, die langsam in Arizona Einzug hält, und der Bande um Ben Wade (Russell Crowe) verwickelt.

Wade führt eine Gruppe von Killern an, für die Raub und Mord eher Stellenbeschreibungen als kriminelle Handlungen sind. Wade selbst, obschon unbestreitbar böse, scheint sich jedoch oftmals aus den Aktivitäten herauszuhalten, und Crowe stellt ihn klugerweise als eine Art gelangweilten König dar, der sich über seine verirrte Herde mehr amüsiert als für sie verantwortlich zeigt. Das Abenteuer scheint ihn mehr zu motivieren als der Profit, doch er verlangt außerordentliche Loyalität, besonders von seinem irren Kumpan Charlie Prince (Ben Foster). Fosters Darstellung hat bereits einige wilde Debatten entfacht, und wir scheuen nicht davor zurück selbst Stellung zu beziehen. Seine Ergebenheit und sein Fanatismus erinnerten mich an die halsstarrigen Nationalsozialisten in Kriegsfilmen, die der Sache trotz Führungslosigkeit und zunehmender Sinnlosigkeit des Kampfes noch immer verschrieben waren. Wenn man Charlie Prince in die Augen schaut, sieht man nichts als Wahnsinn, und wenn das in der Tat genau das ist, was Mangold von ihm verlangte, erfüllt Foster diesen Anspruch voll und ganz. Seine Brutalität und Wut sind kontrolliert und vermitteln den Eindruck, dass sie für ihn ein Weg sind, noch etwas anderes, tief in ihm brodelndes herauszulassen.

Crowe selbst gibt meisterhaft wieder, warum Ben Wade gerade diese Art von Reaktion verlangt. Selbst in kurzen Dialogen kann man spüren, wie Wade eine Beziehung zu den anderen Charakteren aufbaut, indem er sie bewusst in Rage bringt. Diese Beziehungen sind oftmals von kurzer Dauer, und er verliert das Interesse daran genauso schnell wieder, wie er es gefunden hat, aber in seinen knappen Wortwechseln mit der Bardame Emmy Nelson (Vinessa Shaw), dem Gesetzeshüter Tucker (Kevin Durrand) und Evans Ehefrau Alice (Gretchen Mol) kann man erkennen, wie Wades Präsenz diejenigen beeinflusst, die sich in seiner Nähe befinden. Sein Charme lässt sich ebenso wenig bestreiten wie seine Schlechtigkeit.

Dennoch ist dies kein klassischer Gut gegen Böse Western. Natürlich gibt es Protagonisten und Antagonisten. Die einen sind entschlossen, Ben Wade in den besagten „Todeszug nach Yuma“ zu setzen, die anderen sind entschlossen ihn aufzuhalten. Mangold meidet aber die Verlockung, die Charaktere entweder als nur gut oder nur böse darzustellen. Viele werden sich mit dem Realismus am Ende des Films leidenschaftlich auseinandersetzen wollen. Außer Zweifel steht jedoch, dass „Todeszug nach Yuma“ den Status des Wildwestfilms in unserem Jahrzehnt wieder belebt und Crowes Reputation als Hauptdarsteller weiter aufwerten wird.


Russell Crowe: Ben Wade
Christian Bale: Dan Evans
Ben Foster: Charlie Prince
Logan Lerman: William Evans
Peter Fonda: Byron McElroy
Dallas Roberts: Grayson Butterfield
Vinessa Shaw: Emmy Nelson
Alan Tudyk: Doc Potter
Luce Rains: Marshal Weathers
Gretchen Mol: Alice Evans
Lennie Loftin: Glen Hollander
Rio Alexander: Campos
Johnny Whitworth: Tommy Darden
Shawn Howell: Jackson
Pat Ricotti: Jorgensen

Susan for Now (USA 2007)
Regisseurin: Robin Franzi

Robin Franzis Dokumentarfilm über Seattles BDSM (Sadomasochismus) Gemeinschaft mag einige Leute schockieren – allerdings nicht, weil die Leute, die sie interviewt, wild und außer Kontrolle sind, sondern weil sie sich relativ ausgeglichen verhalten und über sich selbst genau Bescheid wissen. Ihre eigene Reise in die Szene und deren Erforschung begann nach ihrer Scheidung, der Frustration über die Partnersuche im mittleren Alter und der Sehnsucht, nach einer langen Zeit der Ehelosigkeit, in Seattles Sexszene zu recherchieren. Eins führte zum anderen und sie schließlich zu dieser ehemals ausgegrenzten, aber nun stetig wachsenden und populären Gemeinschaft.

Franzi besitzt die Fähigkeit, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Interviewten sich wohl fühlen, und obwohl viele behaupten, diese Seite ihres Lebens von der Familie und den Arbeitskollegen fernzuhalten, sind sie doch zumeist froh darüber, vor der Kamera unmaskiert aufzutreten. Ein paar Fesselspiel-Szenen sind im Film, aber nichts ist zu anstößig. Am schwersten anzusehen sind nicht die Peitschen, sondern ein recht enthusiastischer Piercer, der seine Nadeln bei einem willigen Opfer ansetzt. Darüber hinaus entschärft der Beitrag eines juristisch geschulten Teilnehmers die Brisanz noch weiter, und Allene, Direktorin des Seattle Sex Positive Centers, lässt jegliche Aktivitäten geradezu sauber erscheinen. Freilich habe ich schon Dokumentationen über viel schlimmere Personen gesehen, und ob BDSM nun etwas für dich ist oder nicht, kann man nicht umhin, die Leichtigkeit zu bewundern, die die meisten der Interviewten im Umgang mit ihrer Sexualität an den Tag legen.

Ich weiß, wer mich getötet hat (USA 2007)
Regisseur: Chris Sivertson
Originaltitel: I Know Who Killed Me

Als Kunstform kann der Horrorfilm oder der Thriller auf zweierlei Arten besonders gut gelingen: Entweder, man hat ein gutes Drehbuch, eine gute Handlung und tolle Schauspieler, die einen Klassiker entstehen lassen, oder, wenn eine dieser Komponenten fehlt, macht man einfach ein Parodie auf einen Horroklassiker und lacht zusammen mit dem Publikum darüber. Entscheidet man sich für letzteres, kann man sich jedes existierenden Klischees bedienen und fährt auch noch gut damit, da man das Genre ja persifliert.

Dennoch ist Chris Sivertons Film irgendwo dazwischen anzusiedeln. Trotzdem er fast alle gängigen, genretypischen Szenen einbaut, von denen nicht wenige den weiteren Handlungsverlauf vorwegzunehmen drohen, gewinnt der Zuschauer dennoch niemals den Eindruck, er würde sich nicht doch hundertprozentig ernst nehmen. Es mag vielleicht gerade Mode sein, Lindsay Lohans schauspielerische Fähigkeiten anzuzweifeln, dennoch gibt sie eine passable Vorstellung wie auch der Rest der Besetzung. Die Angst von Daniel Fleming (Neal McDonough), der Vater der entführten Aubrey, wird von ihm speziell in den ersten Szenen, als er von der Entführung seiner Tochter erfährt, hervorragend dargestellt. Andere Mitwirkende bemühen sich redlich, ihre Rollen nicht zu übertreiben – und das überaus erfolgreich. Besonders hervorzuheben sind hier Spencer Garrett und Garcelle Beauvais als die beiden Detektive Phil Lazarus und Julie Bascome.

Lohan spielt gleich zwei Charaktere auf einmal, die engelgleiche Aubrey und deren Alter Ego, die verführerische Stripperin Dakota Moss, die versucht die Familie davon zu überzeugen, dass sie nicht Aubrey ist, während sie dabei auf einem Bein herumhüpft sowie eine künstliche Hand gebraucht. Der Leser sei gewarnt, dass dies stellenweise so makaber wie anschaulich sein kann, und dass ihm der Anblick abgetrennter Gliedmassen nicht erspart wird.

Die grosse Anzahl der Mängel und Ungereimtheiten in der Handlung werden passioniertere Kinogänger irritieren, und das eine oder andere Mal wird man in Versuchung sein, “Himmelherrgot, jetzt ruf zuerst die Polizei an, bevor du da alleine reingehst!” gen Leinwand zu brüllen. Wie dem auch sei, Lohan wird hierauf sicherlich bessere Angebote erhalten, und das Projekt kann alles in allem wirklich nicht als Fehlschlag bezeichnet werden.

Lindsay Lohan: Aubrey Fleming / Dakota Moss
Julia Ormond: Susan Fleming
Neal McDonough: Daniel Fleming
Brian Geraghty: Jerrod Pointer
Garcelle Beauvais: Agent Julie Bascome (als Garcelle Beauvais-Nilon)
Spencer Garrett: Agent Phil Lazarus
Gregory Itzin: Dr. Greg Jameson
Bonnie Aarons: Fat Teena
Kenya Moore: Jazmin
Thomas Tofel: Douglas Norquist
Rodney Rowland: Kenny Scaife
David Figlioli: Lanny Rierden
Jessica Rose: Marcia (als Jessica Lee Rose)
Megan Henning: Anya

Batalla en el cielo (Mexiko 2004)
Regisseur: Carlos Reygadas

Anapola Mushkadiz.
Anapola Mushkadiz
© Tartan Films 2005
Der Film beginnt mit einer Sexszene, in der kein einziges Wort gesprochen wird, und vielleicht ist es das einzige, woran man sich bei Battle in Heaven erinnert. Obwohl Marcos Hernández' Darstellung als Chauffeur eines Mexikanischen Generals gezielt unterspielt ist, so mangelt es ihm doch an einer Resonanz in jeder Situation. Das reicht vom Tod eines Babys, das er entführt hat bis zum Oralverkehr mit der Frau seines Bosses und lässt lediglich den Schluss zu, dass er von dem ganzen Filmprojekt unglaublich gelangweilt war.

Momente des Schweigens, in denen nichts passiert, treten immer wieder auf und tragen anscheinend nichts zur Handlung des Films bei. Der Chauffeur ist die meiste Zeit so missmutig und apathisch, dass man sich wundert, warum das Baby ihm nicht davonläuft. Anapola Mushkadiz gibt eine mutige Vorstellung als Tochter des Generals, die in einem erstklassigen Bordell arbeitet, um der Langeweile zu entfliehen. Aber sie alleine kann den Film nicht retten. Die Sexszenen kommen zwar realistisch rüber, aber auch sie scheinen für den Plot unnötig zu sein.

Als er in einem Interview gefragt wurde, was der Titel des Films bedeute, war Reygadas Antwort in etwa diese: „Ihre Vorschläge könnten so gut wie meine sein." Sie werden diesen Satz selbst oft sagen, wenn Sie mit jemandem, der den Film ebenfalls gesehen hat, diskutieren.

Marcos Hernández: Marcos
Anapola Mushkadiz: Ana
Bertha Ruiz: Marcos Frau
David Bornstein: Jaime
Rosalinda Ramirez: Viky
El Abuelo: Polizeichef
Brenda Angulo: Madame

In Vandas Zimmer (Portugal 2000)
Regisseur: Pedro Costa
Originaltitel: No Quarto da Vanda

Costas' bedrückendes Werk ist angesiedelt in den Slums von Fonthainas, einem Stadtteil von Lissabon und erzählt vom Leben der Drogensüchtigen, die dort leben. Verschiedene Freunde von Vanda, so auch Nhurro, ihr Freund aus Kindertagen, kommen in ihre Bude, jeder mit seiner eigenen Geschichte von Verzweiflung und Armut. In diesem Film werden Drogen ununterbrochen konsumiert und die zentralen Charaktere, obwohl sie sich selbst bemitleiden, rufen kein Mitgefühl beim Zuschauer hervor.

Die wiederkehrenden Themen von Armut, Obdachlosigkeit und Bagatelldelikten bilden die Kulisse für belanglose und inhaltsleere Unterhaltungen. Ausgenommen Sie mögen es, Leute beim Heroinspritzen zu beobachten, die sich permanent selbst bemitleiden, sollten Sie besser die Finger hiervon lassen.

Lena Duarte
Vanda Duarte
Zita Duarte
Pedro Lanban
António Moreno
Paulo Nunes
Fernando Paixão

Fateless (Ungarn 2005)
Regisseur: Lajos Koltai
Originaltitel: Sorstalanság

„Fateless“ erzählt vom Leidensweg des 15-jährigen Jungen György Koves (Marcell Nagy), der in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis gerät, durch Zufall überlebt, und innerlich und äußerlich schwer gezeichnet schließlich ins Nachkriegs-Budapest zurückkehrt.

Zu Beginn des Films sind die Juden in Budapest nicht sonderlich beunruhigt, als einige Männer ins Arbeitslager abtransportiert werden. Auch Györgys Vater wird abgeholt, nachdem er ein letztes Mal seine Familie zusammenführt, um Abschied von seinen Angehörigen zu nehmen. Der Junge selbst muss in einer Fabrik am Stadtrand arbeiten. Eines Morgens werden er und viele weitere Juden auf dem Weg zur Arbeit, trotz gültiger Passierscheine, verhaftet. Das ist der Beginn einer schrecklichen Odyssee, die für György durch die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Zeitz führt.

Der ungarische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész hatte sich lange Zeit geweigert, einer Verfilmung seines Bestsellers Roman eines Schicksallosen zuzustimmen. Als Kameramann Lajos Koltai sich das Holocaust-Drama für sein Spielfilmdebüt aussuchte, änderte Kertész seine Meinung und war sogar gewillt, das Drehbuch zu schreiben. Aus diesem Grund hat er die Geschichte mit autobiografischen Einzelheiten angereichert. Auch Kertész durchlitt als Jugendlicher die Qualen in Auschwitz und Birkenau und versuchte mit seinem Roman das nicht Verstehbare des eigenen Schicksals zu benennen. Weil der Autor auch die Schuld der Ungarn am Mord ungarischer Juden thematisiert, war Kertész in seinem Heimatland lange Zeit nicht geschätzt.

Koltais Bemühen um Authentizität, hervorgerufen durch die Fixierung auf ein Einzelschicksal, funktioniert dank exzellenter Schauspielleistungen. So versucht György seiner verständnislosen Umwelt klarzumachen, dass das Lager keine Hölle ist. „Der Unterschied ist“, sagt er, „die Hölle gibt es nicht, das Lager schon.“

Die beklemmende, nicht distanzierte Sicht auf den Holocaust unterscheidet sich von Filmen wie Schindlers Liste und Der Pianist gewollt deutlich. Die digitale Nachbearbeitung generiert monochrome Bilder, die im Widerspruch zum Dargestellten ästhetisch angenehm wirken. Mag Ennio Morricones Filmmusik für manche eine Spur zu pathetisch geraten sein und an dessen alte Western-Scores erinnern, mag man dem Film auch vorwerfen, er nehme eine zu naiv-kindliche Perspektive ein, so ist Lajos Koltais Versuch einer ganz eigenen Umsetzung der Holocaust-Thematik dennoch wirklich gelungen.

Marcell Nagy: György Koves
János Bán: Vater
Judit Schell: Stiefmutter
Aára Herrer: Annamaria
Aron Dimeny: Bandi Citrom
Andras M. Kecskes: Finn
Joszef Gyabronka: Unglücklicher Mann
Daniel Craig: Amerikanischer Sergeant

Monty Pythons „Das Leben des Brian" (England 1979)
Regisseur: Terry Jones

Dieses urkomische und zeitlose biblische Epos der Pythontruppe folgt dem Lebensweg des glücklosen Brian Cohen (Graham Chapman) bei den Versuchen, gegen die Besetzung Judeas durch das Römische Imperium zu rebellieren, indem er sich Judeas Volksfront anschließt (oder ist es die Volksfront von Judea?) Die Filmskizzen sind clever miteinander verwoben, und der Film bietet einen klassischen Moment nach dem anderen, wenn sich John Cleese, Terry Jones, Eric Idle, Terry Gilliam und Michael Palin Chapman anschließen, um die eher lächerlichen Stellen der Bibelgeschichte auf die Schippe zu nehmen. Erstaunlicherweise wurde diesem Film damals vorgeworfen blasphemisch zu sein, und die religiöse Bruderschaft schaffte es gar, den Film aus einigen Kinos zu verbannen. Heute dagegen scheint er eher eine harmlose Satire zu sein.

Aus dem Sammelsurium stechen diverse Momente besonders hervor, darunter Cleese als Römischer Zenturio, der die haarsträubende lateinische Grammatik von Brians' ani-römischen Graffiti in der Art eines gemeinen Lateinlehrers korrigiert. Andere Szenen wie Jones' Darstellung als Brians Mutter, die seine Anhänger anspricht, haben solche berühmten Pythonzitate hervorgebracht wie „Er ist nicht der Messias, er ist ein sehr bösartiger Junge.“ Idle spielt überragend in vielen Rollen, aber besonders erwähnenswert als Basarinhaber, der sich weigert, einen Bart an den flüchtenden Brian zu verkaufen, ohne in altmodischer Weise zu feilschen.

Dieser Film bietet so viel mehr, was den Test der Zeit besteht, so dass meine beste Anweisung ist: Aufhören, die Rezension zu lesen und ab in die Videothek!

Graham Chapman: Brian Cohen, Biggus Dickus
John Cleese: Reg, Jewish Official, Centurion, Deadly Dirk, Arthur
Terry Gilliam: Jailer, Northern Irish Prophet, Frank, Audience Member, Crucifee
Eric Idle: Mr. Cheeky, Stan (Loretta), Harry the Haggler, Culprit Woman, Warris, Intensely Dull Youth, Jailer's Assistant, Otto, Lead Singer Crucifee
Terry Jones: Mandy Cohen, Colin, Simon the Holy Man, Helpful By-passer, Alarmed Crucifixion Assistant
Michael Palin: Big Nose, Francis, Ex-Leper Beggar, Announcer, Ben, Pontius Pilate, Boring Prophet, Eddie, Shoe Worshipper, Nisus Wettus
Terence Bayler: Gregory
Carol Cleveland: Mrs Gregory
Kenneth Colley: Jesus
Neil Innes: Weedy Samaritan
Gwen Taylor: Mrs. Big Nose
Sue Jones-Davies: Judith
John Young: Matthias, Son of Deuteronomy of Gath
Chris Langham: Alfonso, Giggling Guard
Spike Milligan: Spike

Fido (Kanada 2006)
Regisseur: Andrew Currie

Stell dir eine Farbfilmnachbarschaft im Stil der 1950er Jahre vor, in der die Mädels mit Pferdeschwanz Seilspringen während die Jungs im Bürstenschnitt auf ihren Fahrrädern durch die Gegend rasen und Sprüche wie „Meine Fresse“ sagen. Anstelle von treuen Hunden, die hinter ihnen mit ihren Schwänzen wedeln, sind es ihre treuen Zombies, die ihrer Leine folgen. Dank der genialen Erfindung eines angespornten Wissenschaftlers haben diese untoten Kreaturen nicht länger die Begierde nach Gehirnen, sondern sind so zahm wie ein Haustier und übernehmen die verschiedensten Rollen in diesem Nirvana...Butler, Milchmänner, Gärtner und ähm, nun... Lebensgefährten.

Die Szenerie und Kostüme sind perfekt und ein Ensemble hochtalentierter Schauspieler scheint einen spielend leicht in diese verrückte Welt zu ziehen, wobei ganz besonders eine Schauspielerin erwähnt werden muss. Carrie-Ann Moss (The Matrix) gibt eine außerordentlich glaubwürdige Vorstellung als Helen Robinson ab, die perfekte Mutter des kleinen Timmy Robinson, gespielt von K'Sun Ray, mit einer Prise neuzeitlicher „Schnall-es-selber-Bob“-Einstellung. Timmy wächst sein Zombie ans Herz wie einem Jungen Lassie, und diese Loyalität ist das Kennzeichen der wachsenden Beziehung zwischen den beiden.

Fido ist eine einzigartige Melange aus Amerikana- (und obgleich in der Tat kanadisch) und Zombie-Kultur. Es lohnt sich wirklich, diese originelle Zusammenarbeit dreier praktisch unbekannter Autoren (Robert Comiak, Andrew Currie und Dennis Heaton) anzuschauen. Sogar die Empfindlichen unter uns würden diesem Film grünes Licht geben. Dieser lohnende Aufwand lässt einen wundern, was die Autoren als nächstes hervorzaubern, sollten ihre Kräfte einmal mehr vereint werden.

Carrie-Anne Moss: Helen Robinson
Billy Connolly: Fido
Dylan Baker: Bill Robinson
K'Sun Ray: Timmy Robinson
Tim Blake Nelson: Mr. Theopolis
Henry Czerny: Mr. Bottoms
Sonja Bennett: Tammy
Jennifer Clement: Dee Dee Bottoms
Rob LaBelle: Frank Murphy
Aaron Brown: Roy Fraser
Brandon Olds: Stan Fraser
Alexia Fast: Cindy Bottoms

El Violin (Mexiko 2005)
Regisseur: Francisco Varga

Ángel Tavira.
Ángel Tavira
Francisco Vargas erster Spielfilm El Violin spielt während der Mexikanischen Kleinbauernrevolten der 1970er Jahre.

Don Plutarco (Ángel Tavira), sein Sohn Genaro (Gerardo Taracena) und Enkel Lucio (Mario Garibaldi) repräsentieren drei Generationen von Kleinbauern, die gegen Armut und Repression des immer gegenwärtigen Militärs ankämpfen. Tavira gibt eine außergewöhnliche Darstellung als Violine spielender Patriarch der Familie. Die Beziehung, die er zum Karriereoffizier Dagoberto Gama aufbaut und entwickelt, führt den Zuschauer weg vom einschichtigen Gut-und-Böse-Stillstand. Gamas Charakter, El Capitán, schätzt Musik und zeigt viel Mitgefühl für Plutarco. Gelegentlich droht er von seiner zentralen Loyalität abzuweichen, welche dem Militär und dessen Anweisungen gebührt. Vargas führt den Betrachter auf einen wirren Trampelpfad und lässt ihn sich fragen, welche Seite der Persönlichkeit des Soldaten am Ende siegen wird.

Vargas versteckt nicht das Unrecht einer Armee, welche die lokale indigene Bevölkerung unterdrückt, aber dies bildet nicht das Kernstück des Films. Aufgenommen in schwarz-weiß mag das langsame Tempo jene entnerven, die ein schnelleres Tempo gewöhnt sind, aber dieser Film ist schon allein wegen der Vorstellung des 81-jährigen Laiendarstellers Tavira sehenswert.

Ángel Tavira: Don Plutarco
Gerardo Taracena: Genaro
Dagoberto Gama: Capitán
Mario Garibaldi: Lucio
Fermín Martínez: Teniente
Silverio Palacios: Comandante Cayetano
Octavio Castro: Zacarías
Mercedes Hernández: Jacinta
Gerardo Juárez: Pedro

Hänsel und Gretel (Deutschland 2005)
Regisseurin: Anne Wild

Nastassja Hahn und Johann Storm.
Nastassja Hahn und Johann Storm
„Knusper, knusper, Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“ Die altbekannte Frage der bösen Hexe, die immer noch Kinder auf der ganzen Welt zusammenzucken lässt, weil sie genau wissen, was folgt: der glühendheiße Ofen, in dem kleine Kinder gebraten und anschließend von der Hexe aufgefressen werden. Das ist der Stoff, aus dem kindliche Albträume sind, wussten schon die Gebrüder Grimm und woben das Märchen zusammen, das seither in keiner Sammlung von Gute-Nacht-Geschichten fehlen darf, die etwas auf sich hält.

Anne Wilds Film-Adaption des Grimm'schen Märchens zaubert ihn scheinbar mühelos wieder herbei diesen Schauder aus Kindheitstagen, die Gänsehaut und die sich sträubenden Nackenhaare; die Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, sich die Bettdecke über das Gesicht zu ziehen und dem gleichzeitigen Verlangen, im Schutz der Dunkelheit mit weit aufgerissenen Augen dem Fortlauf der Geschichte zu lauschen.

Es ist die Geschichte von den Geschwistern Hänsel und Gretel (Johann Storm und Nastassja Hahn), die von ihrem Vater (Henning Peker), einem armen Holzfäller, der seine Familie nicht mehr ernähren kann, und ihrer Stiefmutter (Claudia Geisler), der die Kinder aus der früheren Ehe ihres verwitweten Mannes von Anfang an ein Dorn im Auge waren, allein im Wald zurückgelassen werden. Unfähig nach Hause zurück zu finden, gelangen sie schließlich hungrig und müde an das Lebkuchenhaus der Hexe (Sibylle Canonica), die, wie sich schnell herausstellt, Kinder zum Fressen gern hat. Als ihr Bruder Hänsel in einen Käfig eingesperrt und für die Schlachtung gemästet wird, ist es an Gretel, einen Ausweg zu finden…

Die großartige Leistung der beiden Jungdarsteller, die Poesie des Drehbuchs und die verstörend schöne Musik der norwegischen Künstlerin Mari Boine lassen Wilds Film unter die Haut gehen. Dort breitet er sich aus wie ein Fieber, das die Wangen glühen lässt, während auf der Stirn kalt der Angstschweiß perlt.

Sibylle Canonica: Hexe
Johann Storm: Hänsel
Nastassja Hahn: Gretel
Henning Peker: Vater
Claudia Geisler: Mutter
Christian Habicht: Waldbauer
Christian Steyer: Erzähler (Stimme)

A Walk Into the Sea: Danny Williams and the Warhol Factory (USA 2007)
Regisseurin: Esther Robinson

Danny Williams.
Danny Williams
Esther Robinsons Dokumentarfilm über ihren Onkel Danny Williams wird all jene faszinieren, die entweder an der Clique um Andy Warhol interessiert sind oder einfach nur an der Ära, in der sie lebten. Danny verschwand 1966 im Alter von 27 Jahren. Er war Warhols Filmproduzent und Geliebter.

Diejenigen, die interviewt wurden, werden besonders gewürdigt für ihre Ehrlichkeit, vor allem Filmproduzent Paul Morrissey, der eindeutig nicht so gut mit Williams auskam. Die emotionale Oberflächlichkeit aller ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen wird von Robinson nicht verdeckt, und die Offenheit John Cales schließt sich dem an, wenn er den Ausdruck ‚unvollendete Personen' prägt.

Keiner von ihnen tendiert dazu Warhol zu glorifizieren, was seine bedingungslosen Fans bedauern mögen, aber gerade das macht den Film zu einem der besseren über seine Person.

Die Interviews mit den verbliebenen Warhol-Factory-Mitgliedern als intim zu beschreiben, würde sowohl ihnen als auch Robinson einen schlechten Dienst erweisen.

Callie Angell
Brigid Berlin
John Cale
Nat Finkelstein
Gerard Malanga
Albert Maysles
Paul Morrissey
Billy Name (Archivmaterial)
Julia Robinson
Nadia Williams
Chuck Wein
Danny Fields
Ron Nameth
Jeff Scher
Harold Stevenson
David Williams

Der Räuber Hotzenplotz (Deutschland 2006)
Regisseur: Gernot Roll

Christiane Hörbiger und Piet Klocke.
Christiane Hörbiger und Piet Klocke
Es war einmal, vor langer Zeit, als Großmutters geliebte Kaffeemühle es noch wert war, den meistgesuchten Räuber der Umgebung zur Strecke zu bringen. Besagte Kaffeemühle befand sich im Besitz besagter Großmutter (Christiane Hörbiger), bevor sie aufgrund der Kurzsichtigkeit derselben in die Hände des besagten Räubers (Armin Rohde) fiel. Kasperl (Martin Stührk) und Seppel (Manuel Steitz), zwei unzertrennliche Freunde, suchen, nachdem sie von der Großmutter alarmiert wurden, zunächst Hilfe bei Wachtmeister Dimpfelmoser (Piet Klocke), dem der Räuber Hotzenplotz bisher allerdings durch die zugegebenermaßen recht ungeschickten Finger geschlüpft ist.

Guter Rat ist teuer, eine gute Idee Gold wert, und so wollen Kasperl und Seppel ihrerseits den Räuber mit einer mit Sand gefüllten Kiste fangen, auf die sie „Vorsicht Gold“ gepinselt haben. Wie es perfekte Pläne so an sich haben, geht auch dieser Plan gründlich daneben, und es bedarf den vereinten Kräften der staatlich geprüften Hellseherin Portiunkula Schlotterbeck (Katharina Thalbach) und der Fee Amaryllis (Barbara Schöneberger), die vom Zauberer Petrosilius Zwackelmann (Rufus Beck) in eine Kröte verwandelt wurde, um den Räuber Hotzenplotz dingfest zu machen.

Der Kasperl, der Seppel, die Großmutter, der Räuber, der Polizist, der böse Zauberer und die gute Fee: In Gernot Rolls „Der Räuber Hotzenplotz“ geben sich alle Charaktere, die in einem richtigen Kasperletheater nicht fehlen dürfen, ein Stelldichein. Die Darsteller, bestehend aus Deutschlands erster Film- und Fernsehprominenz, sind allesamt mir einem diebischen Vergnügen bei der Sache, das dem Kinderbuchklassiker von Ottfried Preußler alle Ehre macht – zu Recht, beflügelte es doch die Phantasie von Millionen von Kindern weltweit und brachte ihnen bei, dass das Gute dem Bösen immer um eine Knallpilzsuppe voraus ist.

Rolls originalgetreue Realverfilmung von Preußlers „Hotzenplotz“ vermittelt dies mit so viel Einfühlungsvermögen, dass es im Publikum Kinder geben soll, die auch in den knapp 35 Jahren, die seit dem Erscheinen des Buches vergangen sind, immer noch darauf brennen, auf Kasperls Frage „Kinder, seid ihr alle da?“ mit einem donnernden „Jaaaaaaaaaaa!“ zu antworten.

Armin Rohde: Räuber Hotzenplotz
Martin Stührk: Kasperl
Manuel Steitz: Seppel
Rufus Beck: Petrosilius Zwackelmann
Katharina Thalbach: Portiunkula Schlotterbeck
Piet Klocke: Wachtmeister Dimpfelmoser
Barbara Schöneberger: Fee Amaryllis
Christiane Hörbiger: Großmutter
Armin Maiwald: Fotograf
Paul Maar: Assistent des Fotografen
Jürgen Schopper: Die magische Hand

Wer früher stirbt, ist länger tot (Deutschland 2006)
Regisseur: Marcus Hausham Rosenmüller

In einem kleinen Dorf lebt der „Kandlerwirt“ Lorenz mit seinen beiden jungen Söhnen Franz und Sebastian. Den Gasthof betreibt er seit dem Tod seiner Frau nun schon jahrelang allein, und so mehren sich die Stimmen, dass es langsam an der Zeit wäre für eine neue Frau im Haus.

Als der 11-jährige Sebastian zufällig erfährt, dass seine Mutter bei seiner Geburt gestorben ist, beginnen sich die Ereignisse zu überschlagen. Sebastian, der ein für sein Alter beeindruckendes Sündenregister vorzuweisen hat, fühlt sich fortan auch schuldig am Tod seiner Mutter. Da er, wie er meint, nach seinem Tode auf jeden Fall im Fegefeuer landen wird, setzt er alles daran, sich von seinen Sünden reinzuwaschen. Die Stammtischler in der Wirtschaft seines Vaters stehen ihm dabei mit freundschaftlichem Rat zur Seite. Sebastians Übereifer führt jedoch nicht zum gewünschten Erfolg: ein gesprengter Hase, ein unsittlicher Antrag an seine Lehrerin Veronika, eine beinahe zu Tode gebrachte Greisin aus der Nachbarschaft – das alles verbessert die Situation nicht gerade.

Die Erlösung scheint jedoch nahe, als sich Lorenz wundersamer Weise in Veronika, Sebastians Lehrerin, verliebt. Da Sebastian Lorenz' Zuneigung zu Veronika irrtümlicherweise für ein Zeichen seiner toten Mutter hält, findet er sich schon bald in der Rolle des Kupplers wieder, fest davon überzeugt, dass ihm der Himmel wieder offen steht, wenn er hilft, für seinen Vater eine neue Frau zu finden. Gewitterwolken bedrohen den siebten Himmel der Liebe, als Sebastian herausfindet, dass Veronika mit Alfred verheiratet ist. Für den Jungen steht fest: Alfred muss sterben…

„Wer früher stirbt, ist länger tot“ ist eine schwarze Komödie, die es mit jedem verschreibungspflichtigen Stimmungsaufheller aufnehmen kann – ohne Nebenwirkungen, versteht sich. Auf subtile und feinsinnige Art und Weise schildert sie die Ängste und Zwänge des Erwachsenwerdens mit beißendem Humor, gewährt abgrundtiefe Einblicke in die leicht irrezuführende Kinderseele und die Unzulänglichkeiten der erwachsenen und webt somit den Stoff, aus dem jugendliche Albträume sind. Jeder, der sich an die Zeiten erinnern kann, in denen man sich an den Pforten zur Hölle glaubte, weil man die Großmutter um ein wenig Kleingeld betrogen oder mit Absicht die Brille des Klassenkameraden zerbrochen hat, wird sich teuflisch gut amüsieren.

Markus Krojer: Sebastian Schneider
Fritz Karl: Lorenz Schneider
Jürgen Tonkel: Alfred Dorstreiter
Jule Ronstedt: Veronika Dorstreiter
Saskia Vester: Frau Kramer
Franz Xaver Brückner: Franz
Hans Schuler: Graudinger (als Johann Schuler)

Taxidermia (Ungarn 2006)
Regisseur: György Pálfi


© Tartan Films 2006
György Pálfis zweiter Spielfilm, basierend auf den Kurzgeschichten von Lajos Parti Nagy, versucht erst gar nicht, den Zuschauer im Unklaren darüber zu lassen, was ihn im Folgenden erwartet: Bereits in der ersten Szene setzt Protagonist Lt Morosgoványi Vendel (Csaba Czene) seine Männlichkeit in Brand, und in der gleichen Tonart geht's dann weiter bis zum Schluss. Viel ist es nicht, was einem hier an Verderbtheit und Demoralisation erspart bleibt, zeichnet „Taxidermia“ doch insgesamt die Geschichten drei Generationen nach, bei deren jeweiligen Vertretern das Abnormale normal ist.

Der Film ist in drei Teile gegliedert, beginnend mit dem Soldaten als Hauptfigur des ersten und seinem unehelichen Sohn Balatony Kálmán (Gergely Trócsányi), der den ungarischen Honved Club in der „sportlichen“ Disziplin des Wettfressens vertritt, als Hauptfigur des zweiten Teils. Das Gruppenerbrechen der Clubmitglieder zur Vorbereitung auf den nächsten Wettbewerb gibt Pálfi und seinem Co-Autoren Zsófia Ruttkay reichlich Gelegenheit, beim Zuschauer anhaltende Übelkeit zu erregen.

Der deutsche Schauspieler Marc Bischoff ist der Protagonist des dritten Teils, in dem er einen sexhungrigen Tierpräparator spielt, der sich um Kálmán, seinen aufgedunsenen und alternden Vater, kümmern muss. Angewidert von der Fresssucht seines Vaters geht er seinem eigenen unwirklichen Leben als Tierpräparator nach – während Kálmán zu Hause sinnigerweise seine Katzen im Wettfressen unterrichtet.

Ob man diesen Film nun als eine tief greifende Untersuchung der menschlichen Faszination mit der eigenen Physik ansehen, oder als den Versuch eines müßigen Regisseurs, der mit der Darstellung abstoßender Körperfunktionen billige Effekthascherei betreibt (ein Quasi-Abklatsch von Monty Pythons „Der Sinn des Lebens“), sei dem Zuschauer selbst überlassen. Kindern würde ich den Film jedoch nicht unbedingt ans Herz legen wollen. Und wo wir schon dabei sind, Großmüttern auch nicht.

Csaba Czene: Morosgoványi Vendel
Gergely Trócsányi: Balatony Kálmán
Piroska Molnár: Hadnagyné
Adél Stanczel: Aczél Gizi
Marc Bischoff: Balatony Lajoska
Gábor Máté: Öreg Balatony Kálmán
Zoltán Koppány: Miszlényi Béla
Géza D. Hegedüs: Dr. Regõczy Andor
Erwin Leder: Krisztián

Honor de cavalleria (Spanien 2006)
Regisseur: Albert Serra

Lluís Carbó.
Lluís Carbó
„Honor de cavalleria” orientiert sich offensichtlich an Cervantes' Klassiker über den wandernden Ritter Don Quijote und seinen treuen Knappen Sancho Panza, jedoch ist dieser Don Quijote am Ende seiner Karriere, müde und besessen von religiösen Wahnvorstellungen. Der Entwurf für den Film mag vielleicht interessant gewesen sein, seine Umsetzung ist es nicht. Langwierige und witzlose Szenen handeln von nichts anderem, als dass Quijote in einem Feld sitzt, während Sancho Lorbeerblätter pflückt, oder dass die beiden durch eine öde Landschaft reiten. Als in einer Szene plötzlich tatsächlich etwas passiert, wird im weiteren Verlauf des Films unbefriedigenderweise nicht darauf eingegangen.

In „Honor de cavalleria” passieren keine Abenteuer, es wird nicht wiedergegeben, wie die beiden Protagonisten miteinander leben; nur die tägliche Trostlosigkeit und gelegentliche persönliche Reibereien werden gezeigt. Lluis Carbos Quijote ist mürrisch und zerstreut, sein Sancho stoisch und phlegmatisch. Es gibt vereinzelte rührende Szenen, aber meistens sind sie schlecht gespielt und machen, gemessen an der langjährigen Freundschaft der beiden, nur wenig Sinn. Mitunter wirkt der Film wie ein billiger Reisebericht durch Katalonien. Wer Spaß daran hat, eine Fototapete mit schroffen Hügeln und überwucherten Feldern in Spielfilmlänge anzusehen, für den mag dieser Film vielleicht etwas sein. Alle anderen sollten ihre Zeit nicht damit vergeuden.

Lluís Carbó: Quixot
Lluís Serrat: Sancho

Der Hausbesitzer (USA 1970)
Regisseur: Hal Ashby
Originaltitel: The Landlord

Hal Ashbys „Der Hausbesitzer“ entstand 1970, und auch wenn er zuweilen etwas altmodisch erscheint, ist er in vielerlei Hinsicht seiner Zeit immer noch weit voraus. Er konzentriert sich auf die Person Elgar Enders, ein Kind reicher Leute gespielt von Beau Bridges, der mit 29 Jahren immer noch zu Hause bei seinen Eltern lebt. Eines Tages stellt er jedoch plötzlich fest, dass es endlich an der Zeit für ein eigenes Heim ist. Mit der Absicht, die derzeitigen Mieter hinauszuwerfen und das Gebäude zu einem luxuriösen Stadthaus umzubauen, kauft er sich ein Mietshaus in einer ärmlichen Gegend von New York. Als er seine Mieter näher kennen lernt, baut er gleichwohl als Vermieter nach und nach ein vertrauensvolles und manchmal sogar freundschaftliches Verhältnis zu ihnen auf.

Zunächst gilt es allerdings, viele Missverständnisse und Verwechslungen aus dem Weg zu räumen. So lässt sich Elgar gleich mit zwei schwarzen Frauen, einer verheirateten Mieterin und einer Tänzerin in einem nahe gelegenen Nachtclub ein. Ashby schafft Augenblicke subtiler, aber beißender Gesellschaftskritik, wie zum Beispiel als Elgar, stolz auf seine soziale Aufgeschlossenheit, seine Freundin Lanie (Marki Bey) zu einer Kostümparty in seinen Country Club mitnimmt und unbedachterweise bei einem nebenstehenden Schwarzen einen Scotch mit Soda bestellt – mit überraschendem Ausgang.

Die Szenen zu Hause mit Elgars Familie stehen immer wieder im Kontrast zu seinem neuen Leben in der Stadt, Befangenheit und Privilegiertheit werden Bodenständigerem gegenübergestellt. Diese beiden Welten treffen auf faszinierende Art und Weise aufeinander. Besonders bemerkenswert ist eine Szene, in der Elgars alternde Mutter (Lee Grant), eine verblassende Südstaatenschönheit, zusammen mit der Wahrsagerin Marge, einer anderen Mieterin ihres Sohnes, eine Flasche Hauswein trinkt und sich dabei offener und entspannter gibt als jemals zuvor in ihrer eigenen Umgebung. Letztendlich sucht sie jedoch immer wieder Zuflucht bei dem, was ihr vertraut und sicher erscheint. Auch ihr Sohn steht oftmals kurz davor dasselbe zu tun; über den Großteil des Films hinweg scheint sein neues Leben nicht vielmehr als die Rebellion eines Teenagers gegen die Konventionen seines Elternhauses zu sein.

Alles in allem ist Elgars Weiterentwicklung eher willkürlich und widerwillig, und Momente wahren Verstehens der Probleme seiner schwarzen Bezugspersonen sind immer von seinem playboyhaftem Gehabe begleitet. Zwar tut er am Ende das Richtige, aber eben nur zufällig, und seine Entscheidung für ein neues, anderes Leben wird in vielerlei Hinsicht mehr von Lanie als von ihm selbst getroffen. Man spürt, dass er ohne die Stärke ihrer Persönlichkeit höchstwahrscheinlich wieder zu seinem behüteten Leben zurückkehren würde, ohne von seinem Ausflug in die Realität des Alltags wirklich verändert worden zu sein.

Beau Bridges: Elgar Winthrop Julius Enders
Lee Grant: Joyce Enders
Diana Sands: Francine Copee
Pearl Bailey: Marge
Walter Brooke: William Enders Sr.
Louis Gossett Jr.: Copee (als Lou Gossett)
Marki Bey: Lanie
Mel Stewart: Professor Duboise (als Melvin Stewart)
Susan Anspach: Susan Enders
Robert Klein: Peter Coots (als Bob Klein)

Das Leben der Anderen (Deutschland 2006)
Regisseur: Florian Henckel von Donnersmarck

Dieses starke politische Drama spielt in den letzten Jahren der zu diesem Zeitpunkt bereits verheerend brüchigen Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Georg Dreyman (Sebastian Koch) ist ein Theaterschriftsteller mit zurückhaltender Zustimmung für die kommunistischen Staatsoberhäupter, obwohl er einen Umgang pflegt, der sie sichtlich nervös macht. Als seine Freundin Christa-Maria (Martina Gedeck) die suchenden Blicke eines ranghohen Partei-Apparatschik auf sich zieht, verwischt die Grenze zwischen sozialistischer Rechtgläubigkeit und dem Vorantreiben persönlicher Interessen. Gerade als sie sich neu zu definieren beginnen, wird Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) auf Dreyman angesetzt, um seine politischen Vorgesetzten zufrieden zu stellen. Dreyman, von seinen regimekritischen Freunden manipuliert, verhilft in der Zwischenzeit unwissentlich dem Apparatschi, dem DDR-Kultusminister, zu den Beweisen, die er haben will.

Von Donnersmarcks Film bringt viele Themen über die Frage nach Recht und Unrecht in Bezug auf das Eindringen in die Privatsphäre hinaus auf, einschließlich einer Erörterung, welche Prinzipien man aufs Spiel setzen sollte, um beruflichen Ruin, Inhaftierung und Verfolgung zu vermeiden. Wieslers Bespitzelung des Privatlebens von Dreyman und Christa-Maria eröffnet ihm eine Welt voller Farben, Leidenschaft und Ideen, die seiner eigenen so schmählich fehlen. Ulrich Mühes Darstellung des Parteifunktionärs, durch dessen Augen der Zuschauer nach und nach hinter die Fassade des kommunistischen Staates blickt, ist grandios. Mühes eigene Schauspielkarriere wurde durch einen seiner Familie nahe stehenden Stasispitzel geschädigt, was seiner Rolle im Film einen persönlichen Anstrich verleiht. Sein Tod im Juli 2007 war ein Verlust für das deutsche Kino.

„Das Leben der Anderen“ ist ohne Zweifel einer der besten deutschen Filme, den Prost Amerika rezensiert hat. Noch Monate nachdem man ihn gesehen hat, wird man von ihm sprechen. Wieslers Reaktionen auf seine Rolle in der psychologischen Dreiecksbeziehung reichen von anfänglicher Gleichgültigkeit bezüglich seiner Entdeckungen bis hin zur Unvermeidbarkeit, sich der Leere seines eigenen Lebens zu stellen, einer Existenz, die stellvertretend für die Zerbrechlichkeit des DDR-Regimes steht.

Martina Gedeck: Christa-Maria Sieland
Ulrich Mühe: Hauptmann Gerd Wiesler
Sebastian Koch: Georg Dreyman
Ulrich Tukur: Oberstleutnant Anton Grubitz
Thomas Thieme: Minister Bruno Hempf
Hans-Uwe Bauer: Paul Hauser
Volkmar Kleinert: Albert Jerska
Matthias Brenner: Karl Wallner

Als das Meer verschwand (Neuseeland 2004)
Regisseur: Brad McGann
Originaltitel: In My Father's Den

Matthew Macfadyen und Emily Barclay.
Matthew Macfadyen und Emily Barclay
© Tartan Films 2006
Brad McGanns einziger Spielfilm hat verdientermaßen sowohl in seinem Heimatland als auch im Ausland großes Lob geerntet.

Matthew MacFayden gibt eine tief bewegende Darstellung als Paul Prior, ein heruntergekommener Kriegsberichterstatter in den Dreißigern, der in England lebt und nach dem Tod seines Vaters in seine Heimatstadt in Neuseeland zurückkehrt. Sein Bruder und seine Mutter sind über seine Anwesenheit dort genauso wenig erfreut wie er selbst. Priors nunmehr englischer Akzent und sein Erfolg als international anerkannter Pressefotograph verursachen zwar unmittelbar nach seiner Ankunft Spannungen, jedoch geht um mehr als gesellschaftliche und kulturelle Entfremdung. Der Film entwirrt langsam aber sicher die Geschichte der Familie und warum Prior an jenem Tag vor so vielen Jahren davonlief. Als sich die dunkle Geschichte der Stadt herausstellt, beginnt ein Ratespiel, währenddem viele unverarbeitete Gefühle zum Vorschein kommen.

Emily Barclay als Celia Steimer, ein Teenager, der eine Faszination für den Neuankömmling entwickelt, bekam für ihre Rolle vom Australian Film Institute den Preis für die beste Darstellerin verliehen. Als Kulisse verwendet der Film die neuseeländische Südinsel: beruhigend, schön und geheimnisvoll. Trotzdem einige äußerst verstörende Themen angesprochen werden, fasziniert und fesselt der Film den Zuschauer vom Anfang bis zum Ende.

Auf dem gleichnamigen Roman von Maurice Gee aus dem Jahre 1972 basierend, gewann „Als das Meer verschwand“ insgesamt neun Auszeichnungen beim New Zealand Screen Award 2005, darunter Bester Film und Beste Regie. Darüber hinaus ist der Film eine Hommage an Brad McGann, der im Alter von nur 43 Jahren an Krebs starb. Einen Nachruf findet man hier.

Matthew Macfadyen: Paul Prior
Emily Barclay: Celia Steimer
Miranda Otto: Penny
Colin Moy: Andrew
Jimmy Keen: Jonathon
Jodie Rimmer: Jackie

9 Songs (England 2004)
Regisseur: Michael Winterbottom

Margo Stilley und Kieran O’Brien.
Margo Stilley und Kieran O’Brien
© Tartan Films 2005
Über diesen Film werden die Leute reden und stundenlang diskutieren, ob es sich hierbei nun um Pornographie handelt oder nicht. Schaffen wir dies direkt beiseite, indem wir sagen, dass in „9 Songs“ tatsächlich Sex, Oralverkehr, Prostitution und Fesselspiele vorkommen, und dass man getrost noch einiges an unnötigem Drogenkonsum hinzuaddieren darf. Ob das als Pornofilm anzusehen ist, mag jeder für sich selbst entscheiden.

Die Filmszenen arrangieren sich um neun Songs herum, die in verschiedenen Londoner Theatern von diversen Bands vorgetragen werden, darunter Primal Scream, Franz Ferdinand, Michael Nyman, Super Furry Animals, Elbow, Black Rebel Motorcycle Club, die Von Bondies und die Dandy Warhols. Matt (Kieran O'Brien), ein englischer Gletscherforscher, und Lisa (Margo Stilley), eine amerikanische Studentin, befinden sich allem Anschein nach in einer Liebesbeziehung. Der Film verfolgt diese Beziehung von den Anfängen bis zur Gegenwart – durch Analyse des Sexuallebens der beiden. Dinge wie Handlung oder Drehbuch sind bei der Beschreibung desselben allerdings zu profan und